Gedankenverschmutzung und digitale Identität

Es gibt viele absurde Verschwörungstheorien, die behaupten, wir alle werden irgendwie manipuliert und von Denen beeinflusst, Dinge zu tun, auf die wir selbst nicht gekommen wären. Es gibt jedoch auch reale Versuche: Bei der Werbung gilt das Kredo der Manipulation. An dieser Stelle muss hier festgestellt werden, dass Werbung prinzipiell etwas Positives ist. Ohne sie hätten Firmen kaum eine Chance, auf sich Aufmerksam zu machen, geschweige denn, neue Produkte anzupreisen.

Doch wie weit darf dieses Anpreisen gehen? Wie suggestiv darf die Manipulation sein, und die zentrale Frage in diesem Artikel: Wie viel darf es davon geben?

Besonders im Internet blühen die kostenlosen Plattformen, die sich offiziell nur durch Werbung finanzieren. Dementsprechend hoch ist das Aufkommen der Werbung. Überhaupt scheint Werbung gerade das Geschäft im Internet zu sein. Es war nie leichter, dem Nutzer persönlich zugeschnittene Anzeigen darzureichen. Webseiten schreien an den dicken Rändern in Signalfarben, um die Aufmerksamkeit potentieller Kunden zu wecken, manche Kurznachrichten sind nur unscheinbar mit kleiner Schrift als „Gesponsert“ markiert. Gerade gelesene Texte werden mit Bildern oder Nachfragen überlagert. Man ist einen Großteil der Zeit und der eigenen Aufmerksamkeit im Netz allein damit beschäftigt, etwas wegzuklicken, zu ignorieren, oder frustriert die Seite im Smartphone noch einmal zu öffnen, weil das bunte Popup nicht zuging. Besonders das private Fernsehprogramm mutet zum Teil als eine Maschine an, deren einziger Zweck die Konsumindoktrination der Zuschauer ist.

Dies ist allerdings (unter Ausnahmen) vertretbar, wenn das Angebot kostenlos ist. Es ist nicht wirklich umsonst, wir bezahlen sehr wohl dafür. Die Währungen heißen Zeit, Frust, Datenvolumen und Konzentration. Nicht zuletzt unsere persönlichen Daten mit denen gehandelt wird, um die es aber hier nicht vorrangig gehen soll.

Was allerdings nicht vertretbar ist, ist Werbung die einem präsentiert wird, wenn man sich Werbung anschauen möchte. Ein gutes Beispiel sind hier die Anzeigen vor Film- oder Spielvorschaufilmchen (Trailer). Wir zahlen dabei also im Grunde die Werbung für den Herausgeber, um dann im Kino teilweise horrende Preise für den tatsächlichen Film zu zahlen, nachdem wir die Karten auf einer, völlig mit Werbung überfrachteten, Kinowebseite reserviert hatten.

Der Werbeempfänger wird dadurch zum überreizten Goldesel für die, mittlerweile zahlreichen, Werbeagenturen, die sich so ein großes Stück vom Kuchen des Endverbrauchers und des Produzenten einfordern. Es scheint, zum Teil, kaum noch auf das Produkt anzukommen, solange die Werbung stimmt, und die Qualität der Ware wenigstens ausreicht (gehypte Produkte).

Der, in der freien Marktwirtschaft, nur unzureichend gepflegte Wildwuchs nimmt mittlerweile viel Raum ein. Sicher liegt das auch daran, dass unser Netz ein internationaler Raum ist, und noch immer keine internationale Behörde dafür existiert. Wenn die Firmen zu viel Werbung betreiben, so dass sich der Kunde prozentual immer weniger davon merken kann, baut sich eine Blase auf, an der nur die Werbeagenturen verdienen und besonders kleinere Firmen und die Endverbraucher die (überforderten) Verlierer sind.

Eine Möglichkeit dagegen anzugehen wäre, das Maß der Werbung per Gesetz zu begrenzen. Doch wie definiert man dieses Maß? Was ist da Entscheidend? Die Größe der Anzeige auf der Webseite, die Farbwahl und der Kontrast zum eigentlichen Inhalt? Diese Vorgehensweise würde so sehr an den individuellen Empfindungen der Menschen vorbeigehen, wie sie an der Freiheit der Marktwirtschaft kratzt, welche zu Recht kritisiert, aber nur wegen der Werbung wohl nicht einfach veränderbar ist.

Da es jedoch Gesetze zum Erhalt der Umwelt gibt, meine ich, sollte es auch welche zum Schutz gegen Gedankenverschmutzung geben, denn nichts Anderes ist dieses Ausmaß der Werbung.

Jede Werbung enthaltende Internetplattform, sollte ihre Dienste auch werbefrei gegen eine monatliche Gebühr anbieten müssen. Diese Gebühr muss den Werbeeinnahmen pro Kopf und Zeitraum entsprechen – also eigentlich recht niedrig sein. Der Nutzer hat so die Wahl, zwischen der kostenlosen, Reizüberflutung, und der, nur mit Geld bezahlten, bodenständigen Variante. Diese Bezahlvariante muss leicht, kurzfristig und übersichtlich kündbar sein. Außerdem dürfen Nutzer nicht für Werbung von Konsumproduzenten aufkommen müssen, sei es durch Geld oder mentale Kosten (z.B. Werbung vor Filmtrailer).

Dieser Ansatz hat noch ein paar Haken, die jedoch behandelbar sind.

Zum Einen stellt sich die Frage, ob man für jede Internetseite, die man werbefrei genießen möchte, ein eigenes Benutzerkonto braucht, um sich zu identifizieren und die Bezahlung abzuwickeln. Der persönliche Aufwand wäre zu hoch und würde den Nutzer dazu verleiten all die Passwörter in einen potentiell unsicheren Passwort-Save oder Browser-Passwortspeicher abzulegen. Oder Noch schlimmer, immer dasselbe Passwort zu benutzen („1234“).

Der OpenID-Ansatz ist hier fast passend. Ein Benutzerkonto für Alles. Zumindest dem Anschein nach. Dieses darf nicht von wirtschaftlichen Unternehmen verwaltet werden, wie es bereits bei mindestens einem großen Versandhändler oder sozialem Netz der Fall ist. Daten sind schützenswert, und sollten daher  eher von einer unabhängigen Behörde verwahrt werden. Jedes dieser Nutzerkonten sollte in Unterkonten aufgegliedert werden können, welche Außenstehende nicht miteinander in Beziehung bringen können. Dieser Nutzerauthentifizierungsdienst müsste gleich eine Bezahlfunktion nach außen hin kapseln. Der Nutzer meldet sich mit seinem Stammpasswort an, doch an die Webseite wird die, dafür vorher ausgewählte Unter-ID geliefert. Eine Pflicht für Internetplattformen, diese behördliche Nutzerverifikation zusätzlich neben herkömmliche Nutzerregistrierung anzubieten, wäre ein wichtiger Schritt bei der Umsetzung. Natürlich besteht dabei die Gefahr, dass genau diese Nutzerdaten dann vom Staat extrahiert, und missbraucht werden. Wer sich heutzutage ein Auto oder ein Kanu leiht wird jedoch ebenfalls seinen Personalausweis vorzeigen müssen. Auch ein Zeitungsabonnent gibt seine Daten an den Verleger heraus. Von dort ist es bereits heute nicht mehr weit, bis zur geheimdienstlichen Einsicht in die Kundendaten. An irgendeiner Stelle kommen wir immer an den Punkt der Staatseinsicht. Wenn der Staat die eigenen Daten hält, ist dies das wohl geringere Übel, als wenn dies Unternehmen tun, und diese Daten ausschlachten. Trotzdem  müsste man eine solche beschriebene Netzbehörde strengen Kontrollen aussetzen, um sie soweit wie möglich unabhängig zu machen. Die Unabhängigkeit sollte der einer nicht-staatlichen Organisation (NGO) entsprechen, aber durch den Staat finanziert werden.

Als weiteren Haken könnte man die Begünstigung des Zwei-Klassen-Internets anführen. Dieser Vorwurf löst sich jedoch in Luft auf, sobald man sich klar macht, dass diese besagten kostenlosen Plattformen in den Konkurs gehen würden, wenn sie die Werbung nicht hätten. Jedes wirtschaftliche Unternehmen muss Einnahmen generieren, um zu überleben. Darüber hinaus sollte die Gebühr für Werbefreiheit relativ niedrig ausfallen, wenn sie auf der Höhe der Werbeeinnahmen pro Kopf liegen soll. Interessant dabei ist auch, dass der Bürger endlich einen Vergleichswert bekäme, wieviel ein Unternehmen pro Kunde durch Werbung verdient.

Das größte Hindernis ist die grenzübergreifende Natur des Internets. Oder vielmehr die Tatsache, dass bisher keine international bemächtigte Behörde in dieser Sache existiert. Wenn in Deutschland ein solches Konzept umgesetzt wäre, müssten sich werbegestützte Plattformen nur Standorte außerhalb unserer Lande (wo sie meist bereits sitzen) zurückziehen, deutsche Nutzer können sie weiterhin nutzen.

Eine Lösung dieses Problems bestünde darin, diese Vorgaben international durchzudrücken, jedes, am Internet teilnehmende Land verpflichten, sie zu erfüllen. Dies ist wohl besonders schwierig zu erreichen und erfordert einen Konsens der Regierungen.

Auch möglich wäre das Blockieren von Internetplattformen im Land, welche die Auflagen nicht erfüllen. Dies wird wohl mit dem Freiheitsgedanken nicht vereinbar sein, auch wenn die Freiheit durch die Werbefreiheitsoption selbst nicht beschränkt, sondern wohl ihre Qualität erhöht wird. Eine Bezahlfunktion gekoppelt an eine behördliche Nutzerauthentifizierung sollte für jede Internetplattform umsetzbar sein, sofern sie gut dokumentiert und ausgereift ist, bzw. gepflegt wird.

Ein erster großer Meilenstein ist das Aufsetzen der erweiterten OpenID-artigen Nutzerauthentifizierung. Erst wenn diese Infrastruktur geschaffen ist, ob nun durch eine staatliche oder internationale Organisation, gibt es die Möglichkeit auch gegen die Masse der Werbung sinnvoll anzugehen. Dies würde geschehen, ohne die Unternehmen einzuschränken, da deren Verdienst gleich bliebe, und  Vorteile für die Nutzer – ihren Kunden – hinzukämen. Im Grunde wäre dies auch für die Unternehmen selbst eine positive Entwicklung, da sie so befähigt werden, dem Kunden einen qualitativ besseren Eindruck ihres Dienstes zu vermitteln, wenn nicht auf jedem freien Bildschirmpixel eine Werbung abgespielt wird.

Das Wichtigste an der eben genannten Organisation ist, dass sie in erster Linie für die Menschen gemacht sein sollte. Es geht um Dateneigentum und Erhaltung der Anonymität im Netz gegenüber Internetdiensten und auch dem Staat selbst. Wie bereits beschrieben, bietet sich dem Staat schon heute die Möglichkeit Kundendaten von Firmen einzufordern. Nur unter den, dafür notwendigen Voraussetzungen sollten, von der genannten Internetbehörde, Nutzerdaten abgefragt werden dürfen. Außerdem ist es wichtig, dass sämtliche Daten auch für die Organisation unlesbar verschlüsselt und nur mit dem Nutzerpasswort einsehbar sind (Kontodaten, Verbindungen zu Unter-Identitäten, etc.)

Da meine Daten bereits zu Hauf im Umlauf sind, ohne, dass ich es kontrollieren kann, würde ich mich über eine unterstützende Infrastruktur freuen. Auch wenn sie durch die steuerliche Finanzierung letztlich ein Teil des Staatsapparates wäre, glaube ich, dass die Daten durch Kontrollinstanzen besser geschützt wären, als sie es heute sind. Zudem käme auf den Nutzer eine Vereinfachung für Bezahlvorgänge, eine größere Übersicht über eigene Nutzerkonten und teilweise anonymisierten Unteridentitäten  zu.

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Die unterschätzte Generation

Die Generation, der ich angehöre, wird gern geringgeschätzt. Es handelt sich hier um die zwischen 1980 und 2000 (es gibt widersprüchliche Angaben) geborenen Bürger – der Generation Y. Immer wieder hört man, ihre Angehörigen wären faul und verwöhnt. Aber was will man machen? Als Chef muss man nun mal mit ihnen leben. Früher war alles besser. Früher haben die Leute noch richtig gearbeitet und weniger genörgelt.

Die geneigte Leserin möge mir verzeihen, wenn ich hier pauschalisiere. Da die Debatte um die Generation Y jedoch voll davon ist, erlaube ich mir, hier von mir auf Andere zu schließen.

Vielleicht ist es das Schicksal jeder Generation, von ihren Vorgängern mit schüttelndem Kopf betrachtet zu werden. Artikel wie „Warum die Generation Y so unglücklich ist“ (Welt.de, 31.10.2014) zeigen wie wenig zuerst versucht wurde, diese Menschen zu verstehen. Es wurden sich zum Teil zynische Erklärungen zurechtgeschustert und Tipps gegeben, was man als Y tun könnte, um doch etwas zu erreichen. Eine ganze Generation wurde zu Traumtänzern erklärt. Andere Artikel versuchen Chefs Hilfestellungen zu geben, wenn sie es mit den Ypsilons zu tun bekommen. Mittlerweile zeigt eine kurze Suche im Internet, dass immer mehr Artikel geschrieben werden, die akzeptieren, wie meine Generation sich gibt und dies auch als Chance begreifen. Die Work-Life-Blend sei wichtig, „Glück schlägt Geld“ (Kerstin Bund 2014, Murmann Verlag), und so weiter.

Trotzdem scheint mir, dass dieses Phänomen noch nicht in seiner Gänze umrissen ist. Die Generation Y wird fast ausschließlich nur im Zusammenhang mit der Arbeitswelt genannt. Jede Generation hat ihre eigenen Herausforderungen. Auswirkungen hat dies nicht nur auf das Arbeitsleben.

Einige von uns sind die ersten Digital Natives, Andere verbrachten den Großteil ihrer Kindheit ohne Internet, und lernten es erst in ihrer Jugend kennen. Wir schlagen somit die Brücke in die digitale Welt. Mehr als jede andere Generation verarbeiten wir für uns und auch untereinander die Vereinbarkeit des Analogen mit dem Digitalen. Wir denken über Datenschutz nach und gleichzeitig verweigern wir uns dem Netz nicht. Dies eröffnet ungeahnte Räume für Diskussionen und Wissensbeschaffung. Der massenhafte Austausch an Informationen bewirkt zwangsweise eine verstärkte Individualisierung des Ichs. Jeder kann sich, in die ihn interessierenden Richtungen informieren und weiterentwickeln. Außerdem mussten wir lernen, mit Fehlinformationen umzugehen. Viele prüfen kritisch, ob Informationen Hand und Fuß haben. Fehlinformationen werden im Idealfall als Solche enttarnt und öffentlich gemacht. Wir leben in einer Welt der falschen Doktoren, der Finanzkrisen, Spionageaffären und einer Lobbyismus-treuen Mainstreampolitik. Außerdem sahen wir unsere Eltern sich abrackern und erfahren auch selbst die Optimierungen der Arbeitsplätze zu Lasten der Menschlichkeit. Dadurch, dass wir das Netz mitgestalten, kann z.B. nicht mehr totgeschwiegen werden, dass Geld Grenzen überschreiten darf, und Menschen dies oft verwehrt bleibt. Wir tragen Kleidung von Unternehmen, die damit Leute anderswo ausbeuten. Wir kaufen Geräte, die pünktlich nach zwei Jahren den Geist aufgeben (geplante Obsoleszenz), obwohl die Ressourcenbeschaffung dafür bereits Kriege in Afrika zur Folge hatte („Krieg in Kongo – Auf der dunklen Seite der digitalen Welt“ FAZ.net, 23.08.2010). Wir sehen das Wachstum der Wirtschaft nur um seiner selbst willen, und zahlen Mieten die sich Berufseinsteiger kaum leisten können.

Im Großen und Ganzen: wir sind enttäuscht. Und wir wollen es besser machen. Wie es gehen könnte, erfahren wir aus dem großen Informationshaufen – dem Internet. Und wir tauschen uns darüber aus. Wir erfahren vom Grundeinkommen und erfolgreichen Probeläufen, welche vor einigen Jahrzehnten nur ausgewählte Experten gekannt hätten. Es gibt immer mehr nachhaltige Betriebe. Und ja, auch eine veränderte Einstellung zur Arbeit ist die Folge. Wir wollen uns verwirklichen, wie so viele Andere es auch tun, von denen wir im Netz lesen. Auch ohne Internet, hätte es eine Generation gegeben, die sich ähnliche Fragen stellt. Doch das Netz existiert und scheint als Beschleuniger zu wirken.

Über kurz oder lang wird sich damit die gesamte Gesellschaft verändern, denn irgendwann sitzen die Mitglieder der Generation Y (englisch „why“) auch in den Parlamenten. Es wird die Frage nach dem „Warum“ gestellt. Nicht nur, „warum sollte ich mich abrackern, wenn ein sechs-Stunden-Arbeitstag viel angenehmer ist, und ich so Zeit habe, Freunde zu sehen?“ Es geht auch um das „Warum sollten wir die Welt nicht in Frage stellen, und versuchen zu ändern, was nicht funktioniert, und nur wenigen nützt?“

Väter betreuen neben der Arbeit vermehrt ihre Kinder, und haben dafür kaum Vorbilder, sondern erkämpfen vor sich selbst und Anderen (Freunden, Chefs, Kollegen, etc.) neue Konzepte. Noch schwieriger ist die Sache der Gleichberechtigung für Frauen. Die Frau muss für sich herausfinden, ob sie eine Kampf-Feministin sein möchte, oder einfach eine Frau, die in ihren Rechten nicht eingeschränkt werden will. Vielleicht will sie auch Hausfrau sein. Das alles darf im Schlafzimmer dann auch noch völlig anders sein.

Das Informationszeitalter wird erst ist 50 oder mehr Jahren in seiner Wucht und seinen Folgen ganz erkannt werden. Der Austausch von Informationen quer über die ganze Welt ohne Zeitverzögerung, hat eine ganze Reihe von diversen Themen auf den Plan gebracht, die nun verarbeitet werden wollen. Und so vielfältig die Themen so vielfältig sind auch die Menschen, die über das Netz ähnlich Denkende finden.

Es ist nicht zu leugnen, dass die vorangegangenen Generationen viel für uns geleistet haben. Die Perspektive der Kriegsgeneration war jedoch eine völlig Andere. Nichts ist falsch daran, Bestehendes in Frage zu stellen und es langsam, im gesunden Diskurs mit der Konservative zu verändern. Besonders wenn es sich um Verbesserungen der Lebensweise handelt. Vielleicht wollen Viele nicht mehr um jeden Preis unermesslich reich werden. Eventuell können, in der Familie präsente, Väter in der Arbeit keine 110 % geben. Vielleicht wollen Einige keine Werbelügen mehr glauben. Vielleicht ist es das einfache Glück, dass viele fasziniert. Was soll schlecht daran sein, sich für eine faire Welt einzusetzen? Warum arbeiten bis zum Umfallen, damit wir Überschuss produzieren, wenn die Lage es eigentlich erlauben würde, das Tempo zu drosseln und das Menschsein zu pflegen. Irgendwann mussten der Schock der Industrialisierung, später der freien Marktwirtschaft und die damit verbundene Reduzierung des Menschen allein auf seine Funktion, wieder abflauen. Zumindest hoffe ich, dass es eines Tages dazu kommt.

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Abseits des Weges

Silvester ist das neue Weihnachten

Weihnachten, die Engel singen die frohe Botschaft, und die Menschen erstürmen die Supermärkte. Die Familie kommt zu Besuch, oder man selbst macht sich auf den Weg, manchmal vielleicht zu mehreren Familien an einem Tag. Erst bei den Eltern, dann bei Schwiegereltern. Trotzdem man die Lieben wiedersieht, ist die Freude heutzutage nicht mehr ganz so ausgeprägt. Der Stress ist so groß, der Tag muss perfekt sein. Das richtige Essen, mit den passenden Getränken. Ganz wichtig: Geschenke. Schon vier Wochen davor verfallen wir in Panik und rennen, was das Zeug hält, durch die Geschäfte oder das Internet und kaufen, kaufen, kaufen. Natürlich ist die Idee, sich um andere Gedanken zu machen, sehr schön. Doch die Kauferei hat ein Level erreicht, an dem es nur noch anstrengend ist. Die Wirtschaft stößt sich gesund oder klagt, falls die Menschen mal ein Jahr nicht so viel kaufen, kaufen, kaufen, sondern nur kaufen.

Weihnachten ist zu erwartungsbeladen. Zwar ist es schön, wenn man dann abends zusammensitzt und in Ruhe erzählen kann, doch die Vorbereitungen sind oft die Hölle. Überfüllte Kaufhäuser, hohe eigene und fremde Erwartungen, und ein Staunen, dass die kleinen Eisenautos jetzt fünf statt zwei oder drei Euro kosten. Auf den Weihnachtsmärkten kann man kaum treten und es wird billiger Glühwein für viel Geld verkauft. Der letzte Glühwein aus einem Kübel mit echten Zimtstangen und Mandarinen ist Jahre her.

„Genießen“ bedeutet doch etwas Anderes.

Es ist auch nicht Jeder Party-Mensch. Das Wort Party ist typisch für unsere Zeit. Ab und zu sitzt man mit Leuten zusammen und es wird gesagt: „Wir machen Party!“ Schon liegt die Erwartung in der Luft, irgendwie abdrehen zu müssen und ganz tolle Stimmung aufkommen zu lassen. Am besten durch den Konsum von viel Alkohol. Das wirkt sehr aufgesetzt. „Ihr seid jetzt alle hier, also betrinkt euch, und dreht irgendwie durch, so dass ihr sagen könnt, es war eine echt wilde Nacht. Sonst seid ihr eine lahme Bande.“ Eine Party eben.

Man muss etwas nicht Party nennen, um dabei Spaß zu haben. Aber nicht mit größtenteils Fremden, sondern lieber mit Freunden. Silvester werden meist ebenfalls Partys gefeiert. Das habe ich mir abgewöhnt. Klar, hin und wieder bin ich mal ein Jahr bei Freunden. Doch ich kann das auch einfach zuhause mit meiner ansässigen Familie & Kindern. Morgens wachen die Kinder auf, und freuen sich, lange aufzubleiben. Wir haben an diesem Tag also viel Zeit. Wir essen spät Frühstück und spielen vorher etwas im Zimmer. Es ist eine besondere Stimmung, und wir verbringen den Tag bewusster. Wir spielen vielleicht zusammen etwas am Computer, gehen raus, oder nehmen uns Zeit für ein Brettspiel mehr. Zu essen gibt es meist etwas Einfaches. Kartoffelsuppe, Puffer oder Spagetti. Weil nicht klar ist, wie lange die Kinder durchhalten, wird um sechs Uhr abends schon einmal eine kleine Feuerwerksbatterie gezündet. Wir haben an diesem Tag die Zeit für eine Nachtwanderung, können lange erzählen und haben Mitternacht noch ein tolles Feuerwerk vor unserem Balkon. Zwischendurch gibt’s eine kleine Brause und Kräuterbaguette. Kein Fokus auf Geschenke, die gemeinsame Zeit ist wichtig. Man kann es sogar besinnlich nennen. Besinnung auf die Liebsten, ohne Stress.

Auch wenn ich meine Kinder nicht habe, trifft das Wort „besinnlich“ den Kern. Am frühen Abend besuche ich sie, und wir zünden das obligatorische Feuerwerk. Bin ich nicht bei Freunden, mache ich danach etwas für mich, egal was. Zur Mitternacht hin, gehe ich meistens raus auf Wanderschaft, und kann meine Gedanken ordnen.

Diese beiden ruhigen Varianten sind für mich zu einem Ritual geworden, das ich nicht mehr missen möchte. Mit einem Minimum an Vorbereitungsstress verbringe ich einen ruhigen, besinnlichen Tag und genieße die Zeit mit meiner Familie, nehme mir Zeit für etwas Besonderes mit ihr, oder richte meine Aufmerksamkeit allein auf mich.

Man kann also sagen, zumindest für die Ruhigeren unter uns, Silvester ist das neue Weihnachten. Auch wenn Weihnachten trotzdem die Zeit bleibt, in der man auch entferntere Verwandte mal wiedersehen kann, liegt für mich nun viel von seiner Besinnlichkeit im Jahreswechsel.

Skyline

Das Schlaraffenland ist tot, lang lebe das Schlaraffenland.

Wer kennt sie nicht, die Geschichte vom Schlaraffenland? Wo Flüsse voller Milch und Honig fließen und gebratene Hühner direkt in die Münder, der nie hungernden Menschen fliegen. Eine Geschichte, die zweifellos die existentiellen Ängste der Menschen anspricht. Zurzeit ist diese Geschichte jedoch fast in Vergessenheit geraten. Warum? Vielleicht leben wir bereits in einer Art Schlaraffenland. Zumindest in den westlichen Industrienationen ist das Thema Essen eigentlich kaum noch relevant. Jedenfalls nicht das Satt-Werden an sich. Natürlich gibt es immer noch Menschen, die in großer Armut leben. Die Meisten jedoch, können sich alles zu Essen kaufen, was sie brauchen. Und noch mehr. Mikrowellen und Fast Food liefern uns tatsächlich das fertige Essen, nur in den Mund fliegen kann es noch nicht. Ob es nun gesund ist, sei hier mal vernachlässigt. Sicher ist dieser Traum eine Flucht vor den Nöten in einer nahrungsknappen Zeit.

Während Kriegen und Hungersnöten gewinnt die Bedeutung des Traumes vom Schlaraffenland sicher wieder stark an Einfluss. Doch wir, die wir quasi darin leben, wissen, dass es mehr braucht. Ein sorgloses Leben allein stellt uns nicht zufrieden. Es braucht auch eine gewisse Spannung. Nicht dass wir ein sorgenfreies Leben haben. Nein, wir sind weit davon entfernt. Wir zahlen Rechnungen, kriegen Mieterhöhungen und das Benzin wir teurer. Die Probleme sind heute einfach anders. Hoher Stress im Alltag durch den Leistungsfokus der Gesellschaft bereits in Kindergärten und Schulen, Optimierung der Arbeitskräfte für die globale Konkurrenzfähigkeit der Unternehmen und niedrige Renten. Wie die Hungernden in das Schlaraffenland flüchten, flüchten wir woanders hin. Wir flüchten an einen Ort, an dem die nächste Abrechnung ihre Bedeutung verliert, an dem das Einzige, was mit einer Deadline beschrieben wird, wirklich der Tod ist. Dort gibt es keinen Verkehrslärm, keine Versicherungsbeiträge, und weniger Menschen. Wesentlich weniger Menschen. Es gibt kein Wasser aus der Leitung und keinen Strom. All das, was uns in den Städten von der Natur abschneidet gibt es dort nicht mehr. Wir sind genötigt, wieder mit elementaren Gefühlen wie Kälte und körperliche Erschöpfung umzugehen. Wir schaffen wieder Dinge mit unseren Händen, anstatt virtuell Bits und Bytes hin- und herzuschieben. Wir brauchen dafür keine besondere Ausbildung, oder Empfehlungsschreiben. Geld spielt dort sowieso keine Rolle. Es ist das Schlaraffenland 2.0, welches sich seit Jahrzehnten zu einem Kult entwickelt hat. Regelmäßig lassen sich Menschen in diese Welt fallen. Die Rede ist hier von der Zombieapokalypse. Es gibt eine deutliche unbewusste Sehnsucht danach. Die Illusion, einer der wenigen Überlebenden zu sein, ist natürlich unrealistisch. Der Überlebensprozess als solcher ist jedoch gerade das Interessante daran. Es gibt so viele Geschichten, Filme oder Computerspiele, und immer ist das Interessanteste der erste Teil. Jener Teil, in dem unsere überlebende Person durch einen guten Instinkt (oder einfach nur Glück) die richtigen Entscheidungen getroffen hat. Natürlich ist so ein Zombie an sich kein Heilsbringer. Er ist eben die Würze, die dem Schlaraffenland fehlt. Zombies sind darüber hinaus sehr einfach. Meist nur in Horden gefährlich, lernt unser Protagonist schnell, wie so ein Zombie auszuschalten ist. Er ist auch unwiderruflich böse. Man muss sich keine Gedanken machen, wenn man ihn tötet. Noch interessanter ist das elementare Gefühl, dass diese Bedrohung verursacht. Wir müssen leise sein, auf dem Boden kriechen, feuchte Erde riechen. Alles um möglichst unbeschadet zu überleben und unentdeckt zu bleiben. Es geht zurück zum rein körperlichen Überleben unserer Träumer, die in Wirklichkeit nur Zahlen und Anträge vor sich haben. Es wäre ein Lebensstil, der uns von Gesundheitsexperten empfohlen wird, aber aus Zeitmangel unrealistisch ist. Viel Bewegung, weniger Essen und Natur genießen.

Wir müssen nur andere Häuser nach Nahrung durchsuchen und wissen jedes kleine Ding zu schätzen, dass wir finden. Wir aus unserer Ding-vollen Konsumgesellschaft freuen uns nach dem Ende der Welt wie kleine Kinder über Benzinkanister, Fackeln, Getreidesamen oder einfach nur ein gut erhaltenes Taschenmesser. Gute Kleidung wird nun durch praktische Werte klassifiziert, nicht durch Namen und Preise. Man braucht nur etwas Glück und kann überall Alles finden. Diese Dinge schlaraffen sozusagen vor sich hin. Ist der erste Hunger gestillt, der Rucksack mit allem Nötigen gefüllt, ist der Träger stolz und es durchfließt ihn tiefe Zufriedenheit, angesichts des nackten Überlebens und der strafferen Muskulatur. Zeitgleich wird die nächste Phase der Geschichte eingeleitet. Der Fokus verschiebt sich in Richtung Langzeitversorgung. Unser Träumer ist vielleicht Teil einer Gruppe und es wird ihm bewusst, dass irgendwann alle Häuser geplündert und alle Konservendosen geleert sind. Es geht nun darum, sich Gedanken über Nahrungsanbau und Jagd zu machen. Immer noch sehr elementar. Keine Zahlen oder Anträge. Es werden Stunden und Tage nur im Wald  oder auf Feldern verbracht. Die frische Luft wird geatmet, man spürt den Wandel der Jahreszeiten und den morgendlichen Nebel. Es wird Alles mit den eigenen Händen geschaffen, dessen Resultate man unmittelbar selbst zu spüren bekommt, und nicht irgendein Werbetexter am anderen Ende der Welt. Keine Termine, nur das Überleben ist wichtig.

In dieser Phase stellen die Zombies nur noch gelegentlich eine Bedrohung dar. Eigentlich kann man mit ihnen inzwischen schon sehr routiniert umgehen. Der eigene Unterschlupf nimmt immer mehr Form an, die Fenster sind vernagelt, und Feuerholz gibt es genug. Auch darauf kann man sehr stolz sein. Es fallen keine Raten an.

An dieser Stelle sollte die Fantasie aufhören, aber die Geschichten gehen meist weiter. Die Menschen raufen sich zusammen und bauen kleine Siedlungen wieder auf. Es mangelt an immer weniger Dingen. Früher oder später geht der kleinen Gruppe die Erkenntnis auf, dass Zombies nicht die größte Bedrohung in dieser Welt sind: es sind andere Menschen, die sich skrupellos im rechtsfreien Raum bewegen. Dadurch wird zwar noch einmal die Spannung ordentlich erhöht, eine Geschichte braucht so etwas wohl eben. Aber in dieser Phase ähnelt der Traum wieder mehr unserer wirklichen Welt. Es bekriegen und streiten sich Menschen auf das Heftigste. Es gibt Intrigen und Verrat. Das hat nichts mehr mit einem Traum zu tun. Es ist lediglich das Resultat dessen, was herauskommt, wenn man die Geschichten zu Ende denkt. Anführer werden zu Politikern und argumentieren. Die Sache verkompliziert sich und ist eigentlich kaum noch eine Flucht aus unserer Welt wert. Natürlich ist unsere Gruppe siegreich und führt den Aufbau der neuen Welt immer weiter voran. Eine Welt die leider immer mehr unserer Wirklichen gleicht.

Natürlich werden das nicht alle Menschen so sehen. Ein gewisser Teil, der vielleicht mit unserer abgestumpften Konsumgesellschaft nicht so gut klarkommt, könnte diese Fantasie jedoch als Gedankenflucht nutzen. Auch wenn die Vorstellung der Zombieapokalypse nicht erstrebenswert und natürlich schrecklich ist, entbehrt sie, trotz des ganzen Horrors und der Gewalt, nicht einem gewissen Reiz. Eine Manifestation des unbewussten Wunsches, wieder echter, elementarer fühlen zu können. Da unsere Gesellschafft jedoch relativ unveränderlich ist, muss man sich in Gedanken nun einmal einen heftigen Grund einfallen lassen, warum sich die Welt ändern muss.

Vielleicht ist das Schlaraffenland immer gerade jener Traum, in den die Menschen ihrer Zeit gedanklich flüchten. So wie es die Filme der 50er und 60er Jahre waren, für die schwere Zeit des Aufbaus nach dem Krieg und die vielen Trümmerfamilien. „Schnulzen“ wie mein Vater sagen würde. In denen zum Schluss für alle Beteiligten immer alles ins Lot kommt. Auch wenn es nur durch Heintjes Stimme passiert.

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Der Konsum und sein Superlativ

Der Wecker klingelt leise und ich beschließe aufzustehen, taumele in die Küche, fülle den Wasserkocher und stelle ihn an. Nachdem ich mich angezogen habe, gieße ich die Tasse auf. Ich lasse dabei immer wieder Wasser über den Beutel laufen, um zu verhindern dass er schwimmt. Im Radio präsentiert ein großer Baumarkt ein neues Konzert Im Olympiastadion, und der Wetterbericht wird von einem Pflanzenmarkt unterstützt. Gedankenversunken sitze ich am Tisch und schmiere mir mein Mittagsbrot, nachdem ich mir etwas zum Frühstück gegönnt hatte: Ein Brot mit Zuckerrübensirup und Butter. Beim Schürsenkel binden auf dem Flur kommt der Kater der Obermieter vorbei. Ich halte die Hand über seinen Kopf, und er springt, um sich daran zu schmiegen. Ich kraule seine Ohren und verlasse ihn dann. Die Wanderschuhe sitzen und die Jacke fühlt sich angenehm an. Ich habe Lust auf eine Wanderung. Schließlich trete ich aus dem Haus. Ich grüße den Nachbar und schließe mein Fahrrad auf. Beim Abbiegen auf die Hauptstraße verlasse ich meine Welt und werde in den lauten Stadtmorgen gezogen. Mein Inneres spannt sich und wird mitgerissen. Ich überlege, was ich heute auf der Arbeit machen wollte. Als es mir einfällt hat mich der Tag gepackt. Gedankenschweifend verbringe ich den Rest der Fahrt. Busse fahren los, Ampeln schalten und auf der Brücke schaue ich sehnsüchtig, ob sich Nebel auf dem Wasser gebildet hat. Autos mit Aufschriften überholen mich und unzählige Werbeplakate schreien immer bunter nach Aufmerksamkeit. Nachdem ich meine Kollegen begrüßt habe, der Rechner läuft und der nächste Pfefferminztee auf dem Schreibtisch steht, beginne ich meine Arbeit. Das Büro füllt sich langsam und dabei wird es immer lauter. Die Kopfhörer liegen vorbereitet am Notebook und ich übertöne die Störungen mit Musik. Beim Recherchieren oder auch Wartezeiten-Füllen blinken mich Werbeanzeigen an, mit Dingen die ich kaufen könnte und Präsentationen, wie toll sie doch wären. Das beste Netz, Diäten für das Verlieren von 5 Kilogramm in einer Woche. Die größte Musik-Streamingplattform, Trailer für den besten Bond aller Zeiten und DVDs, nein, Entschuldigung, BlueRays für den letzten Transformers-Film. In dem noch größere Riesenroboter mit noch heftigeren Waffen die Erde vor einer noch größeren Bedrohung retten. Nebenbei unterbricht „Spotify free“ die Soundwiedergabe und spielt ebenfalls eine Werbung ab. Ich setze die Kopfhörer ab. Da ich gerade etwas Wartezeit habe, lechzt mein Gehirn nach weiterer, schnell verfügbarer Stimulierung, ohne sich anstrengen zu müssen. Ich schaue bei einem großen Online-Versandhändler nach der Kamera, die ich mir vielleicht kaufen werde. Ich habe bereits eine Kamera, und ich habe viele Fotos. Keines davon hängt an der heimischen Wand. Die neue Kamera kann die Objektive wechseln und Vieles ist manuell einstellbar. Da ich sie mir schon einige Male angeschaut habe, taucht sie in der Werbung immer wieder für mich auf. Den Abend lasse ich heute vor dem Fernseher ausklingen. Ich schaue ein wenig Star Trek und um acht Uhr kommt ein Film. Wieder Werbung. Je größer der Fernseher, desto größer auch die Werbefläche. Der Abend verkommt dadurch zum Einheitsbrei. Um die Werbung zu überspringen, schaue ich derweil auf mein Telefon und entdecke gesponsorte Nachrichten im sozialen Netz. Die Hauptfigur des Films fährt das neueste Modell einer bekannten Automarke und trägt Schuhe, die Ich nicht kenne, die aber extra deutlich erwähnt werden.

Nach fünf Arbeitstagen brauche ich mein Wochenende. Samstagmorgen sattele ich mein Fahrrad, ziehe die Wanderschuhe an, die gut sitzende Jacke und fahre raus aufs Land. In den Wald und zu den Feldern. Das Fahrrad bleibt in einem Dorf und ich laufe in die Wildnis, wo Blätterrauschen den eigenen Atem beruhigt, wiegende Gräser die Augen entspannen, Nieselregen das Gesicht erfrischt und Kälte mich in Bewegung bleiben lässt. Die leere Hosentasche lacht über meine, nach dem Handy suchende Hand. Nach einer Weile beruhigt sich der Sturm in meinem Kopf. Es sind nicht mehr die Slogans, die ihre Kreise drehen, sondern es ist der Genuss der Farbnuancen einer Spätherbstlandschaft. Ein plötzliches unwirkliches Schneegestöber mit dunklen Wolken und Sonnenschein übertrumpft jedes Ding, das ich mir kaufen würde. Es vertreibt die faule Stimulationssucht meines Gehirns und setzt an diese Stelle Ruhe. Ich bin glücklich jetzt, auch weil ich endlich einmal wieder wirklich erschöpft bin.

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Globale Intelligenz durch soziale Netze

Vor fünf Jahren registrierte ich mich bei Twitter auf Grund eines Online-Artikels der FAZ („Bedeutung der „Retweets“ – Auf Twitter entsteht eine kollektive Intelligenz von Holger Schmidt am 18.05.2010).

Dieser Artikel beschreibt Die Netzstruktur der Plattform recht vielversprechend. Allerdings wird kaum auf die Intelligenzentstehung selbst eingegangen, was ich hier ergänzen möchte. Jeder Nutzer ist ein Knoten in einem Netz. Er kann sich mit anderen Knoten verbinden (folgen) und deren Nachrichten empfangen. Ebenso können andere Nutzer sich mit unserem ersten Knoten verbinden. Darüber hinaus kann jeder Teilnehmer, Nachrichten von Anderen weitergeben (retweeten). So entsteht ein Netz, welches ähnlich funktioniert wie das neurale Netz im Gehirn. Ein Neuron in unserem Kopf gibt Reize an die verbundenen Neuronen erst weiter, wenn diese für dieses Neuron stark genug sind. In sozialen Netzwerken wie Twitter entspricht jeder Nutzerknoten also im Grunde einem Neuron, nur dass jedes Neuron hier wesentlich intelligenter ist. Dazu kommt, dass jeder Teilnehmer die Verknüpfungen zu anderen lösen, und auch immer wieder Neue knüpfen kann.

Da ich nur Twitter kenne, beziehe ich mich in diesem Artikel auf diese Plattform. Natürlich sind auch Facebook und Andere mittlerweile in der Lage, Meldungen zu teilen. Der Zwang, auf Twitter alles kurz und prägnant formulieren zu müssen, kommt mir hier jedoch sehr gelegen. Jeder Teilnehmer kann schnell entscheiden, wie wichtig die Meldung für ihn ist.

Anfang des Jahres gab es auf Twitter an die 288 Millionen Nutzer. Unser Gehirn hat ungefähr 100 Milliarden Nervenzellen. Das ist natürlich ein gewaltiger Unterschied. Trotzdem sind 288 Millionen nicht wenig. Hinzu kommt das hier hinter jeder Nervenzelle ein ganzer Mensch steht, und von den 100 Milliarden Neuronen im Gehirn viele für die Steuerung des Körpers zuständig sind.

Die Aussage des FAZ-Artikels, es entstünde eine kollektive Intelligenz auf Twitter, war für mich, als Liebhaber von Utopien, der Auslöser, mich dort zu registrieren. Ich wollte unbedingt dabei sein, wenn so etwas passiert. An dieser Stelle möchte ich darauf aufmerksam machen, dass es bereits geschehen ist, zum Erscheinen des Artikels sogar bereits geschehen war. Nur nicht in dem Ausmaß wie heute.

Es gibt längst Algorithmen, die analysieren, wie die Stimmung auf Twitter ist. Hochrechnungen zu Wahlen, Analysen, über die Beliebtheit von Fernsehserien und Vieles mehr. Was ist ein Shitstorm Anderes als der Ausdruck einer wütenden Intelligenz? Eine signifikante Menge Neuronen feuert empörte Nachrichten und färbt so die Stimmung des Netzwesens, die von RTL zwei Tage später ausgewertet wird.

Sogar unsere Sprache hat sich bereits angepasst. „Netzbürger“ bilden im Netz auf vielen Plattformen die „Netzgemeinde“. Die Bedeutung des letzten Begriffes ist nicht mehr weit von der Bezeichnung des „Allwesens“ entfernt, der Vereinigung aller Menschen als Wesen in der Datensphäre aus Dan Simmons Die Hyperion-Gesänge.

Wichtige Neuigkeiten wie die Tötung Osama bin Ladens (2011), oder Vorfälle wie die Notlandung auf dem Hudson River (2009) werden blitzschnell verbreitet und bewegen die Netzgemeinde zu einem großen Teil.

Natürlich gibt es auch sehr viele Nachrichten, die lediglich Unterhaltungswert aufweisen, oder schlichtweg falsche Informationen verbreiten. Allerdings geschehen solche Dinge auch in unseren Köpfen. Gedanken, die wir verwerfen, Ideen, die uns Angst machen oder zum Lachen bringen und Überlegungen die gar nicht zu uns passen, die wir aber einmal durchspielen wollten.

Es ist, als ob es ein großes offenes Gehirn gibt, Und dank Auswertungsalgorithmen können wir darin Gedanken lesen. Ja sogar Gefühle feststellen, wie all die Mitleidsbekundungen nach Terroranschlägen oder ertrunkenen Vertriebenen im Mittelmeer.

Nun könnte jemand behaupten, dies sei nicht Intelligenz, sondern nur das Echo von vielen Intelligenzen, die sich im Netz mitteilen. Das stimmt nur zum Teil.

Der Duden definiert Intelligenz folgendermaßen „[Die] Fähigkeit [des Menschen], abstrakt und vernünftig zu denken und daraus zweckvolles Handeln abzuleiten“ (Quelle: http://www.duden.de/rechtschreibung/Intelligenz; 17.11.2015).

Da stellt sich die Frage, ob die Netzgemeinde als Wesen denkt, nicht nur Gedanken wiedergibt, sondern aus verschiedenen Ideen und deren Abwägung wieder neue Ideen oder Gedanken entwickelt. Aber passiert nicht gerade dies, wenn sich online zwei Menschen austauschen und vielleicht gegenseitig inspirieren? Andere versuchen Menschen von ihrer Meinung zu überzeugen. So ändert sich unter Umständen das Verhalten der beteiligten Nutzer (Neuronen) im sozialen Netz. Manchmal hat dieser Denkprozess aber auch handfestere Folgen – konkretes Handeln. Manche Unterschreiben, nach der Verbreitung von wichtigen Meldungen eine entsprechende Petition, oder organisieren Proteste (zum Beispiel: der arabische Frühling).

Man sollte dem Phänomen also tatsächlich eine Intelligenz zusprechen. Allerdings handelt es sich dabei nicht um eine künstliche Intelligenz. Es scheint eher eine Symbiose von künstlicher und menschlicher Intelligenz zu sein. Denn neben der Eigenschaft als Neuron in diesem neuronalen Netz übernehmen wir Menschen noch eine andere wichtige Funktion: Die des Sinnesorgans. Jeder Reiz, ob aktuell oder als Erinnerung, der uns zu einer Meldung im sozialen Netzwerk veranlasst, ist für die Netzgemeinde ein Sinneseindruck. Viele scheint es richtiggehend süchtig zu machen, diese Funktion zu erfüllen. Wir halten überall unser Smartphone hoch und knipsen schicke Bilder für Instagram und posten es auch gleich bei Twitter oder Facebook (oder Beiden). Die uns umgebenden Neuronen bewerten diesen Eindruck durch die Favorisierungsfunktion, oder leiten die Meldung sogar gleich weiter. Wichtige Eindrücke entgehen dem Netzwerk durch diese Funktion meistens nicht, und beeinflussen – je nach Brisanz – den gesamten Denkprozess der Netzgemeinde.

Intelligenz ist also durchaus vorhanden. Daran schließt sich jedoch auch direkt die Frage nach dem Bewusstsein an. Ist sich das Netzwesen seiner selbst bewusst? Betrachtet man nur den künstlichen Teil auf den Servern muss die Antwort auf diese Frage sicher „Nein“ lauten. Schauen wir jedoch über das Gesamtbild, den menschlichen Teil vereinigt mit dem Technischen, sieht es nicht mehr ganz so einfach aus. Menschen die twittern, tun dies unter Umständen mit einem Gefühl von „Das muss ich der Welt mitteilen!“ oder, „Oh Gott, dass nimmt mich so mit, ich muss mich den Anderen anschließen!“. Dies geschieht dann im Grunde mit einem Gedanken an die Netzgemeinde, mit dem Bewusstsein, ein wichtiger Teil des Ganzen zu sein.

Da viele Netzbürger Teil mehrerer sozialer Netze sind, und sich nicht unbedingt auf jeder Plattform mit den gleichen „Neuronen“ verknüpfen, bilden die verschiedenen sozialen Netze zusammen die globale Intelligenz. Sicher ist diese Intelligenz anders als die eines einzelnen Menschen, entspricht jedoch der Definition aus dem Duden. Und wir sind ein Teil davon.

Flüchtlinge, Rechtsruck und Leistungsgesellschaft

Wie könnte es anders kommen? Diese Thematik ist so brandheiß und aktuell, dass ich mich dazu äußern möchte. Warum gehen tausende auf die Straße, um die Flüchtlinge loszuwerden und die aktuelle Politik zu kritisieren? Wir leben gerade in einer, von Konflikten heimgesuchten Zeit. Zum Glück bleiben wir momentan von Kriegen verschont. Allerdings bekommen wir die Folgen zu spüren, und die sind – da sollte man ruhig ehrlich sein – beachtlich. Die besorgten Bürger allesamt als Nazis abzustempeln, ist nicht der richtige Weg und unserer eigentlich nicht würdig. Wir glauben in einer aufgeklärten Gesellschaft zu leben, und sollten uns daher auch tiefgehender mit dem Problem beschäftigen. Auch wenn ich die Meinung von PEGIDA und Co nicht teile, muss ich zugeben, dass ich die Wurzel des Frusts verstehen kann. In diesem Artikel soll es um ebendiese Wurzel gehen.

Es ist wichtig, die Menschen mit ihrer Angst nicht allein zu lassen und als Nazis abzuschieben. Schauen wir uns doch mal die Sache genau an.

Wenn in einem Dorf mit, sagen wir einmal, achthundert Einwohnern, ganze sechshundert Flüchtlinge unterkommen sollen, dann ist das für die Dorfgesellschaft ein Trauma. Ganz klar. Das sollte man nicht ignorieren. Es ist ganz klar, dass sich in diesem Ort Einiges verändern wird. Die Frage ist nur, welcher Natur diese Veränderung sein wird. Wenn der Staat weiter investiert und die Integration unterstützt – und zwar nicht zu knapp, dann kann dieser Kulturschock in etwas sehr Positives verwandelt werden. Natürlich haben die Bürger Angst, wie es weitergeht, wenn der Ort auf einmal fast doppelt so viel Einwohner hat. Und genau dieser Unsicherheit bedienen sich die Intriganten aus der rechten Nische.

Aber schauen wir uns die Sache in den Städten an. Kürzlich fand in Potsdam Babelsberg eine Informationsveranstaltung über die Unterbringung von sechsundneunzig Flüchtlingen statt. Die Stimmung war wohl sachlich, aber es gab auch sehr viel Murren. Besonders ein Gespräch mit meiner Nachbarin hatte mich schockiert. Ich hielt sie eigentlich für recht aufgeschlossen. Doch in diesem Gespräch offenbarte sich eine höchst verbitterte Frau, mit der kaum noch vernünftig zu sprechen war. Ich gehe hier nicht ins Detail, es kamen die üblichen, sich zum Teil widersprechenden Argumente. Meinen Ausführungen wurde gar nicht erst Gehör geschenkt. Auf die Frage hin, was man denn dagegen tun solle, die Menschen kämen nun einmal her. Ob man sie denn an der Grenze erschießen solle, verneinte sie, bot mir keine Alternative an und wetterte kurz darauf weiter. Gegen die Kinder habe sie ja nichts. Es ging um ganze sechsundneunzig Flüchtlinge in einem Stattteil mit vielen tausend Einwohnern, wohlgemerkt.

Die Verbitterung sitzt selbst bei Jenen tief, die gar nicht direkt betroffen sind. Woher kommt das? Dass sechsundneunzig Menschen tausende Babelsberger, und auch völlig Unbeteiligte bedrohen sollen, ist natürlich absurd. Es geht ums Geld – wie immer. Aber es geht nicht nur darum. Es geht auch um Zeit.

Argumente der Art „Ich lebe mit meinem Sohn von 400 Euro, und die kommen hierher und kriegen Alles umsonst.“ Sind zum Einen offensichtlich übertrieben, wenn die Miete diesen Betrag allein schon schluckt, aber zum Anderen sind sie ein wichtiger Hinweis. Es gibt so viele Menschen, die vierzig Stunden (und mehr) in der Woche arbeiten, und am Ende des Monats jeden Cent umdrehen müssen. Dazu kommt, dass eine Arbeitsstunde heutzutage wesentlich mehr Arbeit und Stress enthält, als noch vor zwanzig Jahren. Ein Beispiel sind die optimierten Schichten auf Pflegestationen, in denen immer weniger Mitarbeiter für immer mehr Patienten zuständig sind. Die Menschen schuften sich also immer mehr kaputt und das Geld reicht geradeso aus, und wenn nicht, muss man dem Wohngeldbescheid widersprechen, bis man dann irgendwann doch etwas bekommt. Mit einem Gefühl des Versagens, versteht sich. Wenige können sich ihre Träume erfüllen, selbst, wenn es kleine Träume sind. Die Wirtschaft will wachsen und wachsen, obwohl wir wesentlich mehr produzieren, als wir brauchen. Es wird optimiert und optimiert. Häufige Krankmeldungen und Burn-out sind die Folgen. An dieser Stelle muss ich Das hervorragende Buch von Patrick Spät anführen: „Und was machst Du so? – Eine fröhliche Streitschrift gegen den Arbeitsfetisch.“, dessen Inhalt mir diese Perspektive erst erlaubt. Ein denkwürdiger Punkt in Herrn Spät’s Buch war das Argument, dass für jeden Roboter und für jedes Computerprogramm, welches ArbeiterInnen ersetzt, keine Lohnsteuern mehr gezahlt werden, obwohl der Gewinn mindestens gleich bleibt. Dadurch wandert Geld vom Staat in die Geldbörsen der Firmen und der Manager. Eine Gewinnmaximierung auf extreme Kosten der Menschen, denen durch Medien und Mitmenschen ein schlechtes Gewissen eingeredet wird, wenn sie dem Druck nicht mehr standhalten und eine Pause brauchen. Aber der Staat ist mittleiweile so sehr auch Interessenwahrer der Wirtschaft, dass er einen Teufel tun wird, dies zu ändern. Auf der Strecke bleibt nur die Menschlichkeit.

Warum wundert es uns eigentlich, dass Die Leute keine Flüchtlinge hier wollen? Sie haben mitunter Angst, dass die Zustände noch schlimmer werden. Es ist zum Teil Neid, dass Asylsuchende derart unterstützt werden, wenn sie selbst mit dem hart erarbeiteten Geld kaum auskommen und es Jahre her ist, dass sie selbst bereitwillig unterstützt wurden? Mit Bereitwilligkeit ist die Atmosphäre auf dem Arbeitsamt nicht zu beschreiben. Und Jeder wird in seinem Berufsleben das ein oder andere Mal dorthin müssen.

Herr Spät führt in seinem Buch äußerst gewissenhaft Quellen verschiedenster Art an. Die Gesellschaft könnte es sich demnach leisten, den sechs-Stundentrag bei voller Bezahlung einzuführen – und noch viel mehr. Der Staat könnte dafür sorgen, dass es keine steuerlichen Nachteile hat, drei Sechsstunden-Stellen zu besetzen, statt zwei achtstunden-Arbeiter zu verheizen. Man hört immer wieder von Konzepten wie Grundeinkommen und Co. Aber die Entwicklung scheint nur sehr träge voranzugehen. Es gibt Kräfte, welche die momentanen, unmenschlichen Verhältnisse beibehalten wollen. Diejenigen, die viel haben, wollen wenig verlieren und noch weniger teilen. Jedes System hatte bisher sein Ende, und es wird mit diesem, sich selbst verzehrenden Wachstums- und Konsumzwang nicht anders sein.

Ein Mensch, mit weniger Geldsorgen und mehr Zeit, seine Interessen zu pflegen, Langsamkeit zuzulassen und die Kinder mal etwas früher aus der Kita holen zu können, ist ein wesentlich zufriedenerer Mensch. Damit wäre er sicher auch um Längen toleranter und würde den beschränkten Argumenten rechter Kräfte weniger Gehör schenken.

Ich finde es schade, dass die Piratenpartei, mit dem Grundeinkommen im Programm, sich selbst von der Bildfläche geschoben hat. Aber leider wäre es wohl auch so, dass die Meisten immer noch glauben, so etwas wäre nicht möglich. Es ist wohl genau das, was sie glauben sollen, so scheint mir.

Die Gesellschaft hat den Zweck eine Heimat für Menschen zu sein. Wir sollten dafür sorgen, dass dies wieder vermehrt der Fall ist. Es wird Zeit, dass die Errungenschaften dieser Zeit auch in die Taschen der Menschen fließen, und zwar nicht in Form von Smartphones oder Streaming-Abos, sondern in Zeit und Sicherheit neben der Arbeit. Wenn ihr also auf die Straße gehen wollt, kämpft doch gegen diese Wirtschaftsdiktatur nicht gegen Frauen, Männer, oder kleine Kinder mit Kullertränen und gepunkteten Socken. Wenn dies Euer Anliegen wird, werte besorgte Bürger, werde ich mit euch gehen, um meiner Sorge um die Menschlichkeit Ausdruck zu verleihen. Und niemand wird euch mehr Nazis nennen.