Gedankenverschmutzung und digitale Identität

Es gibt viele absurde Verschwörungstheorien, die behaupten, wir alle werden irgendwie manipuliert und von Denen beeinflusst, Dinge zu tun, auf die wir selbst nicht gekommen wären. Es gibt jedoch auch reale Versuche: Bei der Werbung gilt das Kredo der Manipulation. An dieser Stelle muss hier festgestellt werden, dass Werbung prinzipiell etwas Positives ist. Ohne sie hätten Firmen kaum eine Chance, auf sich Aufmerksam zu machen, geschweige denn, neue Produkte anzupreisen.

Doch wie weit darf dieses Anpreisen gehen? Wie suggestiv darf die Manipulation sein, und die zentrale Frage in diesem Artikel: Wie viel darf es davon geben?

Besonders im Internet blühen die kostenlosen Plattformen, die sich offiziell nur durch Werbung finanzieren. Dementsprechend hoch ist das Aufkommen der Werbung. Überhaupt scheint Werbung gerade das Geschäft im Internet zu sein. Es war nie leichter, dem Nutzer persönlich zugeschnittene Anzeigen darzureichen. Webseiten schreien an den dicken Rändern in Signalfarben, um die Aufmerksamkeit potentieller Kunden zu wecken, manche Kurznachrichten sind nur unscheinbar mit kleiner Schrift als „Gesponsert“ markiert. Gerade gelesene Texte werden mit Bildern oder Nachfragen überlagert. Man ist einen Großteil der Zeit und der eigenen Aufmerksamkeit im Netz allein damit beschäftigt, etwas wegzuklicken, zu ignorieren, oder frustriert die Seite im Smartphone noch einmal zu öffnen, weil das bunte Popup nicht zuging. Besonders das private Fernsehprogramm mutet zum Teil als eine Maschine an, deren einziger Zweck die Konsumindoktrination der Zuschauer ist.

Dies ist allerdings (unter Ausnahmen) vertretbar, wenn das Angebot kostenlos ist. Es ist nicht wirklich umsonst, wir bezahlen sehr wohl dafür. Die Währungen heißen Zeit, Frust, Datenvolumen und Konzentration. Nicht zuletzt unsere persönlichen Daten mit denen gehandelt wird, um die es aber hier nicht vorrangig gehen soll.

Was allerdings nicht vertretbar ist, ist Werbung die einem präsentiert wird, wenn man sich Werbung anschauen möchte. Ein gutes Beispiel sind hier die Anzeigen vor Film- oder Spielvorschaufilmchen (Trailer). Wir zahlen dabei also im Grunde die Werbung für den Herausgeber, um dann im Kino teilweise horrende Preise für den tatsächlichen Film zu zahlen, nachdem wir die Karten auf einer, völlig mit Werbung überfrachteten, Kinowebseite reserviert hatten.

Der Werbeempfänger wird dadurch zum überreizten Goldesel für die, mittlerweile zahlreichen, Werbeagenturen, die sich so ein großes Stück vom Kuchen des Endverbrauchers und des Produzenten einfordern. Es scheint, zum Teil, kaum noch auf das Produkt anzukommen, solange die Werbung stimmt, und die Qualität der Ware wenigstens ausreicht (gehypte Produkte).

Der, in der freien Marktwirtschaft, nur unzureichend gepflegte Wildwuchs nimmt mittlerweile viel Raum ein. Sicher liegt das auch daran, dass unser Netz ein internationaler Raum ist, und noch immer keine internationale Behörde dafür existiert. Wenn die Firmen zu viel Werbung betreiben, so dass sich der Kunde prozentual immer weniger davon merken kann, baut sich eine Blase auf, an der nur die Werbeagenturen verdienen und besonders kleinere Firmen und die Endverbraucher die (überforderten) Verlierer sind.

Eine Möglichkeit dagegen anzugehen wäre, das Maß der Werbung per Gesetz zu begrenzen. Doch wie definiert man dieses Maß? Was ist da Entscheidend? Die Größe der Anzeige auf der Webseite, die Farbwahl und der Kontrast zum eigentlichen Inhalt? Diese Vorgehensweise würde so sehr an den individuellen Empfindungen der Menschen vorbeigehen, wie sie an der Freiheit der Marktwirtschaft kratzt, welche zu Recht kritisiert, aber nur wegen der Werbung wohl nicht einfach veränderbar ist.

Da es jedoch Gesetze zum Erhalt der Umwelt gibt, meine ich, sollte es auch welche zum Schutz gegen Gedankenverschmutzung geben, denn nichts Anderes ist dieses Ausmaß der Werbung.

Jede Werbung enthaltende Internetplattform, sollte ihre Dienste auch werbefrei gegen eine monatliche Gebühr anbieten müssen. Diese Gebühr muss den Werbeeinnahmen pro Kopf und Zeitraum entsprechen – also eigentlich recht niedrig sein. Der Nutzer hat so die Wahl, zwischen der kostenlosen, Reizüberflutung, und der, nur mit Geld bezahlten, bodenständigen Variante. Diese Bezahlvariante muss leicht, kurzfristig und übersichtlich kündbar sein. Außerdem dürfen Nutzer nicht für Werbung von Konsumproduzenten aufkommen müssen, sei es durch Geld oder mentale Kosten (z.B. Werbung vor Filmtrailer).

Dieser Ansatz hat noch ein paar Haken, die jedoch behandelbar sind.

Zum Einen stellt sich die Frage, ob man für jede Internetseite, die man werbefrei genießen möchte, ein eigenes Benutzerkonto braucht, um sich zu identifizieren und die Bezahlung abzuwickeln. Der persönliche Aufwand wäre zu hoch und würde den Nutzer dazu verleiten all die Passwörter in einen potentiell unsicheren Passwort-Save oder Browser-Passwortspeicher abzulegen. Oder Noch schlimmer, immer dasselbe Passwort zu benutzen („1234“).

Der OpenID-Ansatz ist hier fast passend. Ein Benutzerkonto für Alles. Zumindest dem Anschein nach. Dieses darf nicht von wirtschaftlichen Unternehmen verwaltet werden, wie es bereits bei mindestens einem großen Versandhändler oder sozialem Netz der Fall ist. Daten sind schützenswert, und sollten daher  eher von einer unabhängigen Behörde verwahrt werden. Jedes dieser Nutzerkonten sollte in Unterkonten aufgegliedert werden können, welche Außenstehende nicht miteinander in Beziehung bringen können. Dieser Nutzerauthentifizierungsdienst müsste gleich eine Bezahlfunktion nach außen hin kapseln. Der Nutzer meldet sich mit seinem Stammpasswort an, doch an die Webseite wird die, dafür vorher ausgewählte Unter-ID geliefert. Eine Pflicht für Internetplattformen, diese behördliche Nutzerverifikation zusätzlich neben herkömmliche Nutzerregistrierung anzubieten, wäre ein wichtiger Schritt bei der Umsetzung. Natürlich besteht dabei die Gefahr, dass genau diese Nutzerdaten dann vom Staat extrahiert, und missbraucht werden. Wer sich heutzutage ein Auto oder ein Kanu leiht wird jedoch ebenfalls seinen Personalausweis vorzeigen müssen. Auch ein Zeitungsabonnent gibt seine Daten an den Verleger heraus. Von dort ist es bereits heute nicht mehr weit, bis zur geheimdienstlichen Einsicht in die Kundendaten. An irgendeiner Stelle kommen wir immer an den Punkt der Staatseinsicht. Wenn der Staat die eigenen Daten hält, ist dies das wohl geringere Übel, als wenn dies Unternehmen tun, und diese Daten ausschlachten. Trotzdem  müsste man eine solche beschriebene Netzbehörde strengen Kontrollen aussetzen, um sie soweit wie möglich unabhängig zu machen. Die Unabhängigkeit sollte der einer nicht-staatlichen Organisation (NGO) entsprechen, aber durch den Staat finanziert werden.

Als weiteren Haken könnte man die Begünstigung des Zwei-Klassen-Internets anführen. Dieser Vorwurf löst sich jedoch in Luft auf, sobald man sich klar macht, dass diese besagten kostenlosen Plattformen in den Konkurs gehen würden, wenn sie die Werbung nicht hätten. Jedes wirtschaftliche Unternehmen muss Einnahmen generieren, um zu überleben. Darüber hinaus sollte die Gebühr für Werbefreiheit relativ niedrig ausfallen, wenn sie auf der Höhe der Werbeeinnahmen pro Kopf liegen soll. Interessant dabei ist auch, dass der Bürger endlich einen Vergleichswert bekäme, wieviel ein Unternehmen pro Kunde durch Werbung verdient.

Das größte Hindernis ist die grenzübergreifende Natur des Internets. Oder vielmehr die Tatsache, dass bisher keine international bemächtigte Behörde in dieser Sache existiert. Wenn in Deutschland ein solches Konzept umgesetzt wäre, müssten sich werbegestützte Plattformen nur Standorte außerhalb unserer Lande (wo sie meist bereits sitzen) zurückziehen, deutsche Nutzer können sie weiterhin nutzen.

Eine Lösung dieses Problems bestünde darin, diese Vorgaben international durchzudrücken, jedes, am Internet teilnehmende Land verpflichten, sie zu erfüllen. Dies ist wohl besonders schwierig zu erreichen und erfordert einen Konsens der Regierungen.

Auch möglich wäre das Blockieren von Internetplattformen im Land, welche die Auflagen nicht erfüllen. Dies wird wohl mit dem Freiheitsgedanken nicht vereinbar sein, auch wenn die Freiheit durch die Werbefreiheitsoption selbst nicht beschränkt, sondern wohl ihre Qualität erhöht wird. Eine Bezahlfunktion gekoppelt an eine behördliche Nutzerauthentifizierung sollte für jede Internetplattform umsetzbar sein, sofern sie gut dokumentiert und ausgereift ist, bzw. gepflegt wird.

Ein erster großer Meilenstein ist das Aufsetzen der erweiterten OpenID-artigen Nutzerauthentifizierung. Erst wenn diese Infrastruktur geschaffen ist, ob nun durch eine staatliche oder internationale Organisation, gibt es die Möglichkeit auch gegen die Masse der Werbung sinnvoll anzugehen. Dies würde geschehen, ohne die Unternehmen einzuschränken, da deren Verdienst gleich bliebe, und  Vorteile für die Nutzer – ihren Kunden – hinzukämen. Im Grunde wäre dies auch für die Unternehmen selbst eine positive Entwicklung, da sie so befähigt werden, dem Kunden einen qualitativ besseren Eindruck ihres Dienstes zu vermitteln, wenn nicht auf jedem freien Bildschirmpixel eine Werbung abgespielt wird.

Das Wichtigste an der eben genannten Organisation ist, dass sie in erster Linie für die Menschen gemacht sein sollte. Es geht um Dateneigentum und Erhaltung der Anonymität im Netz gegenüber Internetdiensten und auch dem Staat selbst. Wie bereits beschrieben, bietet sich dem Staat schon heute die Möglichkeit Kundendaten von Firmen einzufordern. Nur unter den, dafür notwendigen Voraussetzungen sollten, von der genannten Internetbehörde, Nutzerdaten abgefragt werden dürfen. Außerdem ist es wichtig, dass sämtliche Daten auch für die Organisation unlesbar verschlüsselt und nur mit dem Nutzerpasswort einsehbar sind (Kontodaten, Verbindungen zu Unter-Identitäten, etc.)

Da meine Daten bereits zu Hauf im Umlauf sind, ohne, dass ich es kontrollieren kann, würde ich mich über eine unterstützende Infrastruktur freuen. Auch wenn sie durch die steuerliche Finanzierung letztlich ein Teil des Staatsapparates wäre, glaube ich, dass die Daten durch Kontrollinstanzen besser geschützt wären, als sie es heute sind. Zudem käme auf den Nutzer eine Vereinfachung für Bezahlvorgänge, eine größere Übersicht über eigene Nutzerkonten und teilweise anonymisierten Unteridentitäten  zu.

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