Flüchtlinge, Rechtsruck und Leistungsgesellschaft

Wie könnte es anders kommen? Diese Thematik ist so brandheiß und aktuell, dass ich mich dazu äußern möchte. Warum gehen tausende auf die Straße, um die Flüchtlinge loszuwerden und die aktuelle Politik zu kritisieren? Wir leben gerade in einer, von Konflikten heimgesuchten Zeit. Zum Glück bleiben wir momentan von Kriegen verschont. Allerdings bekommen wir die Folgen zu spüren, und die sind – da sollte man ruhig ehrlich sein – beachtlich. Die besorgten Bürger allesamt als Nazis abzustempeln, ist nicht der richtige Weg und unserer eigentlich nicht würdig. Wir glauben in einer aufgeklärten Gesellschaft zu leben, und sollten uns daher auch tiefgehender mit dem Problem beschäftigen. Auch wenn ich die Meinung von PEGIDA und Co nicht teile, muss ich zugeben, dass ich die Wurzel des Frusts verstehen kann. In diesem Artikel soll es um ebendiese Wurzel gehen.

Es ist wichtig, die Menschen mit ihrer Angst nicht allein zu lassen und als Nazis abzuschieben. Schauen wir uns doch mal die Sache genau an.

Wenn in einem Dorf mit, sagen wir einmal, achthundert Einwohnern, ganze sechshundert Flüchtlinge unterkommen sollen, dann ist das für die Dorfgesellschaft ein Trauma. Ganz klar. Das sollte man nicht ignorieren. Es ist ganz klar, dass sich in diesem Ort Einiges verändern wird. Die Frage ist nur, welcher Natur diese Veränderung sein wird. Wenn der Staat weiter investiert und die Integration unterstützt – und zwar nicht zu knapp, dann kann dieser Kulturschock in etwas sehr Positives verwandelt werden. Natürlich haben die Bürger Angst, wie es weitergeht, wenn der Ort auf einmal fast doppelt so viel Einwohner hat. Und genau dieser Unsicherheit bedienen sich die Intriganten aus der rechten Nische.

Aber schauen wir uns die Sache in den Städten an. Kürzlich fand in Potsdam Babelsberg eine Informationsveranstaltung über die Unterbringung von sechsundneunzig Flüchtlingen statt. Die Stimmung war wohl sachlich, aber es gab auch sehr viel Murren. Besonders ein Gespräch mit meiner Nachbarin hatte mich schockiert. Ich hielt sie eigentlich für recht aufgeschlossen. Doch in diesem Gespräch offenbarte sich eine höchst verbitterte Frau, mit der kaum noch vernünftig zu sprechen war. Ich gehe hier nicht ins Detail, es kamen die üblichen, sich zum Teil widersprechenden Argumente. Meinen Ausführungen wurde gar nicht erst Gehör geschenkt. Auf die Frage hin, was man denn dagegen tun solle, die Menschen kämen nun einmal her. Ob man sie denn an der Grenze erschießen solle, verneinte sie, bot mir keine Alternative an und wetterte kurz darauf weiter. Gegen die Kinder habe sie ja nichts. Es ging um ganze sechsundneunzig Flüchtlinge in einem Stattteil mit vielen tausend Einwohnern, wohlgemerkt.

Die Verbitterung sitzt selbst bei Jenen tief, die gar nicht direkt betroffen sind. Woher kommt das? Dass sechsundneunzig Menschen tausende Babelsberger, und auch völlig Unbeteiligte bedrohen sollen, ist natürlich absurd. Es geht ums Geld – wie immer. Aber es geht nicht nur darum. Es geht auch um Zeit.

Argumente der Art „Ich lebe mit meinem Sohn von 400 Euro, und die kommen hierher und kriegen Alles umsonst.“ Sind zum Einen offensichtlich übertrieben, wenn die Miete diesen Betrag allein schon schluckt, aber zum Anderen sind sie ein wichtiger Hinweis. Es gibt so viele Menschen, die vierzig Stunden (und mehr) in der Woche arbeiten, und am Ende des Monats jeden Cent umdrehen müssen. Dazu kommt, dass eine Arbeitsstunde heutzutage wesentlich mehr Arbeit und Stress enthält, als noch vor zwanzig Jahren. Ein Beispiel sind die optimierten Schichten auf Pflegestationen, in denen immer weniger Mitarbeiter für immer mehr Patienten zuständig sind. Die Menschen schuften sich also immer mehr kaputt und das Geld reicht geradeso aus, und wenn nicht, muss man dem Wohngeldbescheid widersprechen, bis man dann irgendwann doch etwas bekommt. Mit einem Gefühl des Versagens, versteht sich. Wenige können sich ihre Träume erfüllen, selbst, wenn es kleine Träume sind. Die Wirtschaft will wachsen und wachsen, obwohl wir wesentlich mehr produzieren, als wir brauchen. Es wird optimiert und optimiert. Häufige Krankmeldungen und Burn-out sind die Folgen. An dieser Stelle muss ich Das hervorragende Buch von Patrick Spät anführen: „Und was machst Du so? – Eine fröhliche Streitschrift gegen den Arbeitsfetisch.“, dessen Inhalt mir diese Perspektive erst erlaubt. Ein denkwürdiger Punkt in Herrn Spät’s Buch war das Argument, dass für jeden Roboter und für jedes Computerprogramm, welches ArbeiterInnen ersetzt, keine Lohnsteuern mehr gezahlt werden, obwohl der Gewinn mindestens gleich bleibt. Dadurch wandert Geld vom Staat in die Geldbörsen der Firmen und der Manager. Eine Gewinnmaximierung auf extreme Kosten der Menschen, denen durch Medien und Mitmenschen ein schlechtes Gewissen eingeredet wird, wenn sie dem Druck nicht mehr standhalten und eine Pause brauchen. Aber der Staat ist mittleiweile so sehr auch Interessenwahrer der Wirtschaft, dass er einen Teufel tun wird, dies zu ändern. Auf der Strecke bleibt nur die Menschlichkeit.

Warum wundert es uns eigentlich, dass Die Leute keine Flüchtlinge hier wollen? Sie haben mitunter Angst, dass die Zustände noch schlimmer werden. Es ist zum Teil Neid, dass Asylsuchende derart unterstützt werden, wenn sie selbst mit dem hart erarbeiteten Geld kaum auskommen und es Jahre her ist, dass sie selbst bereitwillig unterstützt wurden? Mit Bereitwilligkeit ist die Atmosphäre auf dem Arbeitsamt nicht zu beschreiben. Und Jeder wird in seinem Berufsleben das ein oder andere Mal dorthin müssen.

Herr Spät führt in seinem Buch äußerst gewissenhaft Quellen verschiedenster Art an. Die Gesellschaft könnte es sich demnach leisten, den sechs-Stundentrag bei voller Bezahlung einzuführen – und noch viel mehr. Der Staat könnte dafür sorgen, dass es keine steuerlichen Nachteile hat, drei Sechsstunden-Stellen zu besetzen, statt zwei achtstunden-Arbeiter zu verheizen. Man hört immer wieder von Konzepten wie Grundeinkommen und Co. Aber die Entwicklung scheint nur sehr träge voranzugehen. Es gibt Kräfte, welche die momentanen, unmenschlichen Verhältnisse beibehalten wollen. Diejenigen, die viel haben, wollen wenig verlieren und noch weniger teilen. Jedes System hatte bisher sein Ende, und es wird mit diesem, sich selbst verzehrenden Wachstums- und Konsumzwang nicht anders sein.

Ein Mensch, mit weniger Geldsorgen und mehr Zeit, seine Interessen zu pflegen, Langsamkeit zuzulassen und die Kinder mal etwas früher aus der Kita holen zu können, ist ein wesentlich zufriedenerer Mensch. Damit wäre er sicher auch um Längen toleranter und würde den beschränkten Argumenten rechter Kräfte weniger Gehör schenken.

Ich finde es schade, dass die Piratenpartei, mit dem Grundeinkommen im Programm, sich selbst von der Bildfläche geschoben hat. Aber leider wäre es wohl auch so, dass die Meisten immer noch glauben, so etwas wäre nicht möglich. Es ist wohl genau das, was sie glauben sollen, so scheint mir.

Die Gesellschaft hat den Zweck eine Heimat für Menschen zu sein. Wir sollten dafür sorgen, dass dies wieder vermehrt der Fall ist. Es wird Zeit, dass die Errungenschaften dieser Zeit auch in die Taschen der Menschen fließen, und zwar nicht in Form von Smartphones oder Streaming-Abos, sondern in Zeit und Sicherheit neben der Arbeit. Wenn ihr also auf die Straße gehen wollt, kämpft doch gegen diese Wirtschaftsdiktatur nicht gegen Frauen, Männer, oder kleine Kinder mit Kullertränen und gepunkteten Socken. Wenn dies Euer Anliegen wird, werte besorgte Bürger, werde ich mit euch gehen, um meiner Sorge um die Menschlichkeit Ausdruck zu verleihen. Und niemand wird euch mehr Nazis nennen.

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Online Dating

Nein, ich tue es nicht. Ich habe damit aufgehört, und ich fange nicht wieder damit an. Oder doch? Warum eigentlich nicht? Ich lade die App herunter. Die beste Dating-App, die ich kenne. OkCupid. Sie ist kostenlos, ich kann schreiben ohne zu zahlen und es gibt viele charakterisierende Fragen zu beantworten. Ferner ist zu wählen, mit welchen Antworten ich beim Gegenüber leben könnte. Aus den Antworten werden Prozentwerte errechnet, wie sehr ich zu anderen Leuten passen würde. (Diese Berechnung soll jedoch in der Vergangenheit auch schon zu Studienzwecken manipuliert worden sein.)

Ich wähle zwei Fotos von mir und lade sie aus dem Ordner „me“ meiner Dropbox hoch, den ich extra fürs Online-Dating anlegte. Man könnte mich als Dating-Plattform-Nomaden bezeichnen. Ich habe so einige Seiten ausprobiert und bin nie lange geblieben. Ich brauchte den „me“-Ordner also in regelmäßigen Abständen wieder, um neue Profile anzulegen.

Als nächstes sehe ich den Cursor blinken. Ich kann nichts schreiben. Ich will keinen Profiltext mehr verfassen, der mich entweder gut darstellt, oder versucht meine Introvertiertheit mitzuteilen ohne allzu selbsterniedrigend zu wirken. Ich will auch nicht mehr schreiben wie belesen ich vielleicht bin, oder mich anderweitig, auf Vorschuss, anderen öffnen. Ich lösche meinen Account und deinstalliere die App. So. Ich sitze am Schreibtisch und überlege wie ich den Abend nun herumkriegen soll.

So introvertiert bin ich eigentlich gar nicht. Ich kann sogar ein bisschen flirten. Bei den ganzen Reisefotos und Macker-Bildern der Menschen auf der Plattform schleicht sich bei mir jedoch ein kleines Minderwertigkeitsgefühl ein – wie immer. Ich weiß, dass dies nur aufgepeppte Profile sind, trotzdem schreckt mich das ab. Ich bin einfach nicht der Richtige für diese Dating-Mode.

Dating-Plattformen halte ich auf jeden Fall für zeitgemäß und ihre Nutzung ist in keiner Weise befremdlich für mich. Ich habe aber erlebt, wie ich dafür belächelt wurde. Ich glaube, dass sich wirklich Menschen finden können. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit, sich zu verlieben, gering. Zumindest für mich. In einer Bar, im Park oder anderen Orten der physischen Welt kann ich in einer halben Sekunde entscheiden, ob ich jemanden mag. Bin ich auf einer Party, gefällt mir maximal ein Mädchen. Außerdem erkenne ich auch, ob sie mich wenigstens ein bisschen mag. Das ist also ein zusätzlicher Filter. Beim Online-Dating gibt es diese Intuition nicht. Dort sagt der Verstand und vielleicht der Penis, ob ein Foto gut aussieht. Genauso läuft es mit den Texten, die ausgetauscht werden. Das Herz kann sich zwar verlieben, allerdings nur in die Illusion von einer Frau. Es verliebt sich in die Vorstellung, die ich von meinem Gegenüber habe, und diese weicht zumeist stark von der Realität ab. Mimik, Gestik und Charakter sind einfach schwer über so eine Dating-Plattform transportierbar. Bei einem Treffen nicht enttäuscht zu sein, ist dann sehr schwierig. Aber auch wenn ich die Erwartungen herunterschraube, passt mir mein Gegenüber oft nicht. Irgendwas stört mich an ihrem Gebaren, oder an der Aura der Verzweiflung und dem unbedingten Wunsch, nicht mehr allein zu sein. Man muss beim Online-Dating also auch all diejenigen Treffen, die in der physischen Welt mit in der Bar sitzen, und die ich bereits ausgefiltert habe. Man benötigt also ein dickes Fell und Durchhaltevermögen. Besonders die Absagen für ein zweites Treffen setzten mir besonders zu. Ich weiß, dass ich damit die Person eventuell der Hoffnung beraube, die Suche sei zu Ende. Und auch mir geht es in dem Moment so.

In meiner Vorstellung gibt es jedoch Voraussetzungen, die eine größere Wahrscheinlichkeit auf Erfolg versprechen. Ein Beispiel: Wenn jemand nach langer Suche endlich eine Beziehung will und den typischen Familientraum leben möchte, ist bei einem Gegenüber, dem es ähnlich geht, die Möglichkeit gegeben, dass es klappt. Allerdings erscheint mir diese Zweckverbindung doch zu Verstandes-gesteuert, und spricht mich persönlich einfach nicht an. Zumal dieser Zug irgendwie für mich abgefahren ist.

Ich denke darüber nach und versuche das flüchtige Gefühl zu greifen, dass mich den Account hat löschen lassen. Der Wunsch, mich wieder zu registrieren hat viel mit Einsamkeit und Langeweile zu tun. Das Widerstreben resultiert wohl aus meinen Erfahrungen. Mich unbekannten Personen zu öffnen kostet viel Kraft. Ich habe das Gefühl in eine Rolle gepresst zu werden. Glaube mich genötigt, nun dieses gemeinsame Projekt, auf das man sich ja im Voraus textuell verständigt hat, aufrecht zu erhalten. Ich erahne bereits die Enttäuschung, wenn ich die ganze Sache beende und meinem Gegenüber wehtun muss. Auch wenn nichts Intimes gelaufen ist. Soweit lasse ich es meist auch gar nicht kommen. Dann würde die ganze Sache noch schlimmer werden. Ich bin ein Gefühlsmensch, und wenn ich mit einer Frau schlafe, baut sich in mir der starke Wunsch auf, diese Frau dann auch zu lieben. Auch wenn das gar nicht der Fall ist. Ich will der perfekte Mann sein und merke zeitgleich, dass es nun mal nicht klappt – weil das Gefühl dazu fehlt. Ich ruhe in dem Moment nicht in mir und das kostet Energie. Dann zu gehen verursacht noch viel mehr Schmerz und letztendlich bleiben zwei Seelen zurück, verwundet und erschöpft, von der Suche nach einem Gefährten, der sie entweder trägt, oder im Idealfall, neben ihnen geht. Gar nicht traurig über den Verlust dieser flüchtigen Bekanntschaft, sondern wegen des Verlusts der eigenen Vorstellung von einer Beziehung, und der Erkenntnis, dass es nun mal nicht so einfach und schnell funktionieren kann.

Ja, jetzt weiß ich es also wieder Alles. Diese Schwere wollte ich einfach nicht mehr in meinem Leben haben. Ich möchte nicht die Hoffnung der Frau sein, dass sie jetzt glücklich wird, ohne dass sie es erstmal allein geschafft hat. Ich will auch nicht wissen, auf wen ich mich da einlasse, sondern ich möchte überrascht werden. Ich möchte die Informationen aus den Profiltexten lieber erfahren, als schon auswendig gelernt haben. Ich möchte bei einem Treffen nicht gleich den Erwartungsdruck spüren, sondern mich allmählich kennenlernen, und es für völlig offen empfinden, ob daraus etwas wird. Außerdem möchte ich mich aufheben. Aufheben für Diejenige, die die Mauer um mein Herz einreißen kann, so dass ich mich nicht mehr durch ein schmales Fenster darin zwängen muss. Ich möchte all meinen Mut zusammennehmen müssen, sie anzusprechen, anstatt dies gänzlich auszulassen. Erst wenn ich kämpfen möchte weiß ich, dass ich mich verliebt habe, und sie es offenbar wert ist.