Die unterschätzte Generation

Die Generation, der ich angehöre, wird gern geringgeschätzt. Es handelt sich hier um die zwischen 1980 und 2000 (es gibt widersprüchliche Angaben) geborenen Bürger – der Generation Y. Immer wieder hört man, ihre Angehörigen wären faul und verwöhnt. Aber was will man machen? Als Chef muss man nun mal mit ihnen leben. Früher war alles besser. Früher haben die Leute noch richtig gearbeitet und weniger genörgelt.

Die geneigte Leserin möge mir verzeihen, wenn ich hier pauschalisiere. Da die Debatte um die Generation Y jedoch voll davon ist, erlaube ich mir, hier von mir auf Andere zu schließen.

Vielleicht ist es das Schicksal jeder Generation, von ihren Vorgängern mit schüttelndem Kopf betrachtet zu werden. Artikel wie „Warum die Generation Y so unglücklich ist“ (Welt.de, 31.10.2014) zeigen wie wenig zuerst versucht wurde, diese Menschen zu verstehen. Es wurden sich zum Teil zynische Erklärungen zurechtgeschustert und Tipps gegeben, was man als Y tun könnte, um doch etwas zu erreichen. Eine ganze Generation wurde zu Traumtänzern erklärt. Andere Artikel versuchen Chefs Hilfestellungen zu geben, wenn sie es mit den Ypsilons zu tun bekommen. Mittlerweile zeigt eine kurze Suche im Internet, dass immer mehr Artikel geschrieben werden, die akzeptieren, wie meine Generation sich gibt und dies auch als Chance begreifen. Die Work-Life-Blend sei wichtig, „Glück schlägt Geld“ (Kerstin Bund 2014, Murmann Verlag), und so weiter.

Trotzdem scheint mir, dass dieses Phänomen noch nicht in seiner Gänze umrissen ist. Die Generation Y wird fast ausschließlich nur im Zusammenhang mit der Arbeitswelt genannt. Jede Generation hat ihre eigenen Herausforderungen. Auswirkungen hat dies nicht nur auf das Arbeitsleben.

Einige von uns sind die ersten Digital Natives, Andere verbrachten den Großteil ihrer Kindheit ohne Internet, und lernten es erst in ihrer Jugend kennen. Wir schlagen somit die Brücke in die digitale Welt. Mehr als jede andere Generation verarbeiten wir für uns und auch untereinander die Vereinbarkeit des Analogen mit dem Digitalen. Wir denken über Datenschutz nach und gleichzeitig verweigern wir uns dem Netz nicht. Dies eröffnet ungeahnte Räume für Diskussionen und Wissensbeschaffung. Der massenhafte Austausch an Informationen bewirkt zwangsweise eine verstärkte Individualisierung des Ichs. Jeder kann sich, in die ihn interessierenden Richtungen informieren und weiterentwickeln. Außerdem mussten wir lernen, mit Fehlinformationen umzugehen. Viele prüfen kritisch, ob Informationen Hand und Fuß haben. Fehlinformationen werden im Idealfall als Solche enttarnt und öffentlich gemacht. Wir leben in einer Welt der falschen Doktoren, der Finanzkrisen, Spionageaffären und einer Lobbyismus-treuen Mainstreampolitik. Außerdem sahen wir unsere Eltern sich abrackern und erfahren auch selbst die Optimierungen der Arbeitsplätze zu Lasten der Menschlichkeit. Dadurch, dass wir das Netz mitgestalten, kann z.B. nicht mehr totgeschwiegen werden, dass Geld Grenzen überschreiten darf, und Menschen dies oft verwehrt bleibt. Wir tragen Kleidung von Unternehmen, die damit Leute anderswo ausbeuten. Wir kaufen Geräte, die pünktlich nach zwei Jahren den Geist aufgeben (geplante Obsoleszenz), obwohl die Ressourcenbeschaffung dafür bereits Kriege in Afrika zur Folge hatte („Krieg in Kongo – Auf der dunklen Seite der digitalen Welt“ FAZ.net, 23.08.2010). Wir sehen das Wachstum der Wirtschaft nur um seiner selbst willen, und zahlen Mieten die sich Berufseinsteiger kaum leisten können.

Im Großen und Ganzen: wir sind enttäuscht. Und wir wollen es besser machen. Wie es gehen könnte, erfahren wir aus dem großen Informationshaufen – dem Internet. Und wir tauschen uns darüber aus. Wir erfahren vom Grundeinkommen und erfolgreichen Probeläufen, welche vor einigen Jahrzehnten nur ausgewählte Experten gekannt hätten. Es gibt immer mehr nachhaltige Betriebe. Und ja, auch eine veränderte Einstellung zur Arbeit ist die Folge. Wir wollen uns verwirklichen, wie so viele Andere es auch tun, von denen wir im Netz lesen. Auch ohne Internet, hätte es eine Generation gegeben, die sich ähnliche Fragen stellt. Doch das Netz existiert und scheint als Beschleuniger zu wirken.

Über kurz oder lang wird sich damit die gesamte Gesellschaft verändern, denn irgendwann sitzen die Mitglieder der Generation Y (englisch „why“) auch in den Parlamenten. Es wird die Frage nach dem „Warum“ gestellt. Nicht nur, „warum sollte ich mich abrackern, wenn ein sechs-Stunden-Arbeitstag viel angenehmer ist, und ich so Zeit habe, Freunde zu sehen?“ Es geht auch um das „Warum sollten wir die Welt nicht in Frage stellen, und versuchen zu ändern, was nicht funktioniert, und nur wenigen nützt?“

Väter betreuen neben der Arbeit vermehrt ihre Kinder, und haben dafür kaum Vorbilder, sondern erkämpfen vor sich selbst und Anderen (Freunden, Chefs, Kollegen, etc.) neue Konzepte. Noch schwieriger ist die Sache der Gleichberechtigung für Frauen. Die Frau muss für sich herausfinden, ob sie eine Kampf-Feministin sein möchte, oder einfach eine Frau, die in ihren Rechten nicht eingeschränkt werden will. Vielleicht will sie auch Hausfrau sein. Das alles darf im Schlafzimmer dann auch noch völlig anders sein.

Das Informationszeitalter wird erst ist 50 oder mehr Jahren in seiner Wucht und seinen Folgen ganz erkannt werden. Der Austausch von Informationen quer über die ganze Welt ohne Zeitverzögerung, hat eine ganze Reihe von diversen Themen auf den Plan gebracht, die nun verarbeitet werden wollen. Und so vielfältig die Themen so vielfältig sind auch die Menschen, die über das Netz ähnlich Denkende finden.

Es ist nicht zu leugnen, dass die vorangegangenen Generationen viel für uns geleistet haben. Die Perspektive der Kriegsgeneration war jedoch eine völlig Andere. Nichts ist falsch daran, Bestehendes in Frage zu stellen und es langsam, im gesunden Diskurs mit der Konservative zu verändern. Besonders wenn es sich um Verbesserungen der Lebensweise handelt. Vielleicht wollen Viele nicht mehr um jeden Preis unermesslich reich werden. Eventuell können, in der Familie präsente, Väter in der Arbeit keine 110 % geben. Vielleicht wollen Einige keine Werbelügen mehr glauben. Vielleicht ist es das einfache Glück, dass viele fasziniert. Was soll schlecht daran sein, sich für eine faire Welt einzusetzen? Warum arbeiten bis zum Umfallen, damit wir Überschuss produzieren, wenn die Lage es eigentlich erlauben würde, das Tempo zu drosseln und das Menschsein zu pflegen. Irgendwann mussten der Schock der Industrialisierung, später der freien Marktwirtschaft und die damit verbundene Reduzierung des Menschen allein auf seine Funktion, wieder abflauen. Zumindest hoffe ich, dass es eines Tages dazu kommt.

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Abseits des Weges
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Das Schlaraffenland ist tot, lang lebe das Schlaraffenland.

Wer kennt sie nicht, die Geschichte vom Schlaraffenland? Wo Flüsse voller Milch und Honig fließen und gebratene Hühner direkt in die Münder, der nie hungernden Menschen fliegen. Eine Geschichte, die zweifellos die existentiellen Ängste der Menschen anspricht. Zurzeit ist diese Geschichte jedoch fast in Vergessenheit geraten. Warum? Vielleicht leben wir bereits in einer Art Schlaraffenland. Zumindest in den westlichen Industrienationen ist das Thema Essen eigentlich kaum noch relevant. Jedenfalls nicht das Satt-Werden an sich. Natürlich gibt es immer noch Menschen, die in großer Armut leben. Die Meisten jedoch, können sich alles zu Essen kaufen, was sie brauchen. Und noch mehr. Mikrowellen und Fast Food liefern uns tatsächlich das fertige Essen, nur in den Mund fliegen kann es noch nicht. Ob es nun gesund ist, sei hier mal vernachlässigt. Sicher ist dieser Traum eine Flucht vor den Nöten in einer nahrungsknappen Zeit.

Während Kriegen und Hungersnöten gewinnt die Bedeutung des Traumes vom Schlaraffenland sicher wieder stark an Einfluss. Doch wir, die wir quasi darin leben, wissen, dass es mehr braucht. Ein sorgloses Leben allein stellt uns nicht zufrieden. Es braucht auch eine gewisse Spannung. Nicht dass wir ein sorgenfreies Leben haben. Nein, wir sind weit davon entfernt. Wir zahlen Rechnungen, kriegen Mieterhöhungen und das Benzin wir teurer. Die Probleme sind heute einfach anders. Hoher Stress im Alltag durch den Leistungsfokus der Gesellschaft bereits in Kindergärten und Schulen, Optimierung der Arbeitskräfte für die globale Konkurrenzfähigkeit der Unternehmen und niedrige Renten. Wie die Hungernden in das Schlaraffenland flüchten, flüchten wir woanders hin. Wir flüchten an einen Ort, an dem die nächste Abrechnung ihre Bedeutung verliert, an dem das Einzige, was mit einer Deadline beschrieben wird, wirklich der Tod ist. Dort gibt es keinen Verkehrslärm, keine Versicherungsbeiträge, und weniger Menschen. Wesentlich weniger Menschen. Es gibt kein Wasser aus der Leitung und keinen Strom. All das, was uns in den Städten von der Natur abschneidet gibt es dort nicht mehr. Wir sind genötigt, wieder mit elementaren Gefühlen wie Kälte und körperliche Erschöpfung umzugehen. Wir schaffen wieder Dinge mit unseren Händen, anstatt virtuell Bits und Bytes hin- und herzuschieben. Wir brauchen dafür keine besondere Ausbildung, oder Empfehlungsschreiben. Geld spielt dort sowieso keine Rolle. Es ist das Schlaraffenland 2.0, welches sich seit Jahrzehnten zu einem Kult entwickelt hat. Regelmäßig lassen sich Menschen in diese Welt fallen. Die Rede ist hier von der Zombieapokalypse. Es gibt eine deutliche unbewusste Sehnsucht danach. Die Illusion, einer der wenigen Überlebenden zu sein, ist natürlich unrealistisch. Der Überlebensprozess als solcher ist jedoch gerade das Interessante daran. Es gibt so viele Geschichten, Filme oder Computerspiele, und immer ist das Interessanteste der erste Teil. Jener Teil, in dem unsere überlebende Person durch einen guten Instinkt (oder einfach nur Glück) die richtigen Entscheidungen getroffen hat. Natürlich ist so ein Zombie an sich kein Heilsbringer. Er ist eben die Würze, die dem Schlaraffenland fehlt. Zombies sind darüber hinaus sehr einfach. Meist nur in Horden gefährlich, lernt unser Protagonist schnell, wie so ein Zombie auszuschalten ist. Er ist auch unwiderruflich böse. Man muss sich keine Gedanken machen, wenn man ihn tötet. Noch interessanter ist das elementare Gefühl, dass diese Bedrohung verursacht. Wir müssen leise sein, auf dem Boden kriechen, feuchte Erde riechen. Alles um möglichst unbeschadet zu überleben und unentdeckt zu bleiben. Es geht zurück zum rein körperlichen Überleben unserer Träumer, die in Wirklichkeit nur Zahlen und Anträge vor sich haben. Es wäre ein Lebensstil, der uns von Gesundheitsexperten empfohlen wird, aber aus Zeitmangel unrealistisch ist. Viel Bewegung, weniger Essen und Natur genießen.

Wir müssen nur andere Häuser nach Nahrung durchsuchen und wissen jedes kleine Ding zu schätzen, dass wir finden. Wir aus unserer Ding-vollen Konsumgesellschaft freuen uns nach dem Ende der Welt wie kleine Kinder über Benzinkanister, Fackeln, Getreidesamen oder einfach nur ein gut erhaltenes Taschenmesser. Gute Kleidung wird nun durch praktische Werte klassifiziert, nicht durch Namen und Preise. Man braucht nur etwas Glück und kann überall Alles finden. Diese Dinge schlaraffen sozusagen vor sich hin. Ist der erste Hunger gestillt, der Rucksack mit allem Nötigen gefüllt, ist der Träger stolz und es durchfließt ihn tiefe Zufriedenheit, angesichts des nackten Überlebens und der strafferen Muskulatur. Zeitgleich wird die nächste Phase der Geschichte eingeleitet. Der Fokus verschiebt sich in Richtung Langzeitversorgung. Unser Träumer ist vielleicht Teil einer Gruppe und es wird ihm bewusst, dass irgendwann alle Häuser geplündert und alle Konservendosen geleert sind. Es geht nun darum, sich Gedanken über Nahrungsanbau und Jagd zu machen. Immer noch sehr elementar. Keine Zahlen oder Anträge. Es werden Stunden und Tage nur im Wald  oder auf Feldern verbracht. Die frische Luft wird geatmet, man spürt den Wandel der Jahreszeiten und den morgendlichen Nebel. Es wird Alles mit den eigenen Händen geschaffen, dessen Resultate man unmittelbar selbst zu spüren bekommt, und nicht irgendein Werbetexter am anderen Ende der Welt. Keine Termine, nur das Überleben ist wichtig.

In dieser Phase stellen die Zombies nur noch gelegentlich eine Bedrohung dar. Eigentlich kann man mit ihnen inzwischen schon sehr routiniert umgehen. Der eigene Unterschlupf nimmt immer mehr Form an, die Fenster sind vernagelt, und Feuerholz gibt es genug. Auch darauf kann man sehr stolz sein. Es fallen keine Raten an.

An dieser Stelle sollte die Fantasie aufhören, aber die Geschichten gehen meist weiter. Die Menschen raufen sich zusammen und bauen kleine Siedlungen wieder auf. Es mangelt an immer weniger Dingen. Früher oder später geht der kleinen Gruppe die Erkenntnis auf, dass Zombies nicht die größte Bedrohung in dieser Welt sind: es sind andere Menschen, die sich skrupellos im rechtsfreien Raum bewegen. Dadurch wird zwar noch einmal die Spannung ordentlich erhöht, eine Geschichte braucht so etwas wohl eben. Aber in dieser Phase ähnelt der Traum wieder mehr unserer wirklichen Welt. Es bekriegen und streiten sich Menschen auf das Heftigste. Es gibt Intrigen und Verrat. Das hat nichts mehr mit einem Traum zu tun. Es ist lediglich das Resultat dessen, was herauskommt, wenn man die Geschichten zu Ende denkt. Anführer werden zu Politikern und argumentieren. Die Sache verkompliziert sich und ist eigentlich kaum noch eine Flucht aus unserer Welt wert. Natürlich ist unsere Gruppe siegreich und führt den Aufbau der neuen Welt immer weiter voran. Eine Welt die leider immer mehr unserer Wirklichen gleicht.

Natürlich werden das nicht alle Menschen so sehen. Ein gewisser Teil, der vielleicht mit unserer abgestumpften Konsumgesellschaft nicht so gut klarkommt, könnte diese Fantasie jedoch als Gedankenflucht nutzen. Auch wenn die Vorstellung der Zombieapokalypse nicht erstrebenswert und natürlich schrecklich ist, entbehrt sie, trotz des ganzen Horrors und der Gewalt, nicht einem gewissen Reiz. Eine Manifestation des unbewussten Wunsches, wieder echter, elementarer fühlen zu können. Da unsere Gesellschafft jedoch relativ unveränderlich ist, muss man sich in Gedanken nun einmal einen heftigen Grund einfallen lassen, warum sich die Welt ändern muss.

Vielleicht ist das Schlaraffenland immer gerade jener Traum, in den die Menschen ihrer Zeit gedanklich flüchten. So wie es die Filme der 50er und 60er Jahre waren, für die schwere Zeit des Aufbaus nach dem Krieg und die vielen Trümmerfamilien. „Schnulzen“ wie mein Vater sagen würde. In denen zum Schluss für alle Beteiligten immer alles ins Lot kommt. Auch wenn es nur durch Heintjes Stimme passiert.

feuer

Flüchtlinge, Rechtsruck und Leistungsgesellschaft

Wie könnte es anders kommen? Diese Thematik ist so brandheiß und aktuell, dass ich mich dazu äußern möchte. Warum gehen tausende auf die Straße, um die Flüchtlinge loszuwerden und die aktuelle Politik zu kritisieren? Wir leben gerade in einer, von Konflikten heimgesuchten Zeit. Zum Glück bleiben wir momentan von Kriegen verschont. Allerdings bekommen wir die Folgen zu spüren, und die sind – da sollte man ruhig ehrlich sein – beachtlich. Die besorgten Bürger allesamt als Nazis abzustempeln, ist nicht der richtige Weg und unserer eigentlich nicht würdig. Wir glauben in einer aufgeklärten Gesellschaft zu leben, und sollten uns daher auch tiefgehender mit dem Problem beschäftigen. Auch wenn ich die Meinung von PEGIDA und Co nicht teile, muss ich zugeben, dass ich die Wurzel des Frusts verstehen kann. In diesem Artikel soll es um ebendiese Wurzel gehen.

Es ist wichtig, die Menschen mit ihrer Angst nicht allein zu lassen und als Nazis abzuschieben. Schauen wir uns doch mal die Sache genau an.

Wenn in einem Dorf mit, sagen wir einmal, achthundert Einwohnern, ganze sechshundert Flüchtlinge unterkommen sollen, dann ist das für die Dorfgesellschaft ein Trauma. Ganz klar. Das sollte man nicht ignorieren. Es ist ganz klar, dass sich in diesem Ort Einiges verändern wird. Die Frage ist nur, welcher Natur diese Veränderung sein wird. Wenn der Staat weiter investiert und die Integration unterstützt – und zwar nicht zu knapp, dann kann dieser Kulturschock in etwas sehr Positives verwandelt werden. Natürlich haben die Bürger Angst, wie es weitergeht, wenn der Ort auf einmal fast doppelt so viel Einwohner hat. Und genau dieser Unsicherheit bedienen sich die Intriganten aus der rechten Nische.

Aber schauen wir uns die Sache in den Städten an. Kürzlich fand in Potsdam Babelsberg eine Informationsveranstaltung über die Unterbringung von sechsundneunzig Flüchtlingen statt. Die Stimmung war wohl sachlich, aber es gab auch sehr viel Murren. Besonders ein Gespräch mit meiner Nachbarin hatte mich schockiert. Ich hielt sie eigentlich für recht aufgeschlossen. Doch in diesem Gespräch offenbarte sich eine höchst verbitterte Frau, mit der kaum noch vernünftig zu sprechen war. Ich gehe hier nicht ins Detail, es kamen die üblichen, sich zum Teil widersprechenden Argumente. Meinen Ausführungen wurde gar nicht erst Gehör geschenkt. Auf die Frage hin, was man denn dagegen tun solle, die Menschen kämen nun einmal her. Ob man sie denn an der Grenze erschießen solle, verneinte sie, bot mir keine Alternative an und wetterte kurz darauf weiter. Gegen die Kinder habe sie ja nichts. Es ging um ganze sechsundneunzig Flüchtlinge in einem Stattteil mit vielen tausend Einwohnern, wohlgemerkt.

Die Verbitterung sitzt selbst bei Jenen tief, die gar nicht direkt betroffen sind. Woher kommt das? Dass sechsundneunzig Menschen tausende Babelsberger, und auch völlig Unbeteiligte bedrohen sollen, ist natürlich absurd. Es geht ums Geld – wie immer. Aber es geht nicht nur darum. Es geht auch um Zeit.

Argumente der Art „Ich lebe mit meinem Sohn von 400 Euro, und die kommen hierher und kriegen Alles umsonst.“ Sind zum Einen offensichtlich übertrieben, wenn die Miete diesen Betrag allein schon schluckt, aber zum Anderen sind sie ein wichtiger Hinweis. Es gibt so viele Menschen, die vierzig Stunden (und mehr) in der Woche arbeiten, und am Ende des Monats jeden Cent umdrehen müssen. Dazu kommt, dass eine Arbeitsstunde heutzutage wesentlich mehr Arbeit und Stress enthält, als noch vor zwanzig Jahren. Ein Beispiel sind die optimierten Schichten auf Pflegestationen, in denen immer weniger Mitarbeiter für immer mehr Patienten zuständig sind. Die Menschen schuften sich also immer mehr kaputt und das Geld reicht geradeso aus, und wenn nicht, muss man dem Wohngeldbescheid widersprechen, bis man dann irgendwann doch etwas bekommt. Mit einem Gefühl des Versagens, versteht sich. Wenige können sich ihre Träume erfüllen, selbst, wenn es kleine Träume sind. Die Wirtschaft will wachsen und wachsen, obwohl wir wesentlich mehr produzieren, als wir brauchen. Es wird optimiert und optimiert. Häufige Krankmeldungen und Burn-out sind die Folgen. An dieser Stelle muss ich Das hervorragende Buch von Patrick Spät anführen: „Und was machst Du so? – Eine fröhliche Streitschrift gegen den Arbeitsfetisch.“, dessen Inhalt mir diese Perspektive erst erlaubt. Ein denkwürdiger Punkt in Herrn Spät’s Buch war das Argument, dass für jeden Roboter und für jedes Computerprogramm, welches ArbeiterInnen ersetzt, keine Lohnsteuern mehr gezahlt werden, obwohl der Gewinn mindestens gleich bleibt. Dadurch wandert Geld vom Staat in die Geldbörsen der Firmen und der Manager. Eine Gewinnmaximierung auf extreme Kosten der Menschen, denen durch Medien und Mitmenschen ein schlechtes Gewissen eingeredet wird, wenn sie dem Druck nicht mehr standhalten und eine Pause brauchen. Aber der Staat ist mittleiweile so sehr auch Interessenwahrer der Wirtschaft, dass er einen Teufel tun wird, dies zu ändern. Auf der Strecke bleibt nur die Menschlichkeit.

Warum wundert es uns eigentlich, dass Die Leute keine Flüchtlinge hier wollen? Sie haben mitunter Angst, dass die Zustände noch schlimmer werden. Es ist zum Teil Neid, dass Asylsuchende derart unterstützt werden, wenn sie selbst mit dem hart erarbeiteten Geld kaum auskommen und es Jahre her ist, dass sie selbst bereitwillig unterstützt wurden? Mit Bereitwilligkeit ist die Atmosphäre auf dem Arbeitsamt nicht zu beschreiben. Und Jeder wird in seinem Berufsleben das ein oder andere Mal dorthin müssen.

Herr Spät führt in seinem Buch äußerst gewissenhaft Quellen verschiedenster Art an. Die Gesellschaft könnte es sich demnach leisten, den sechs-Stundentrag bei voller Bezahlung einzuführen – und noch viel mehr. Der Staat könnte dafür sorgen, dass es keine steuerlichen Nachteile hat, drei Sechsstunden-Stellen zu besetzen, statt zwei achtstunden-Arbeiter zu verheizen. Man hört immer wieder von Konzepten wie Grundeinkommen und Co. Aber die Entwicklung scheint nur sehr träge voranzugehen. Es gibt Kräfte, welche die momentanen, unmenschlichen Verhältnisse beibehalten wollen. Diejenigen, die viel haben, wollen wenig verlieren und noch weniger teilen. Jedes System hatte bisher sein Ende, und es wird mit diesem, sich selbst verzehrenden Wachstums- und Konsumzwang nicht anders sein.

Ein Mensch, mit weniger Geldsorgen und mehr Zeit, seine Interessen zu pflegen, Langsamkeit zuzulassen und die Kinder mal etwas früher aus der Kita holen zu können, ist ein wesentlich zufriedenerer Mensch. Damit wäre er sicher auch um Längen toleranter und würde den beschränkten Argumenten rechter Kräfte weniger Gehör schenken.

Ich finde es schade, dass die Piratenpartei, mit dem Grundeinkommen im Programm, sich selbst von der Bildfläche geschoben hat. Aber leider wäre es wohl auch so, dass die Meisten immer noch glauben, so etwas wäre nicht möglich. Es ist wohl genau das, was sie glauben sollen, so scheint mir.

Die Gesellschaft hat den Zweck eine Heimat für Menschen zu sein. Wir sollten dafür sorgen, dass dies wieder vermehrt der Fall ist. Es wird Zeit, dass die Errungenschaften dieser Zeit auch in die Taschen der Menschen fließen, und zwar nicht in Form von Smartphones oder Streaming-Abos, sondern in Zeit und Sicherheit neben der Arbeit. Wenn ihr also auf die Straße gehen wollt, kämpft doch gegen diese Wirtschaftsdiktatur nicht gegen Frauen, Männer, oder kleine Kinder mit Kullertränen und gepunkteten Socken. Wenn dies Euer Anliegen wird, werte besorgte Bürger, werde ich mit euch gehen, um meiner Sorge um die Menschlichkeit Ausdruck zu verleihen. Und niemand wird euch mehr Nazis nennen.